Bestehen auf jedem Spielfeld der Welt

Interview mit den US-Coaches des Global Ultimate Training Camps Anfang April in Darmstadt sowie mit Organisator Stefan Rekitt

Anfang April wird zum ersten Mal ein Global Ultimate Training Camp (GUTC) stattfinden, ein Spin-Off des legendären National Ultimate Training Camp (NUTC) in den USA, zu dem auch jedes Jahr die Gewinnerin bzw. der Gewinner des Phillis Awards fahren darf (http://www.phillis-award.de). Das so genannte GUTC wird an der TU Darmstadt am Leistungsstützpunkt des DFV stattfinden – mit 60 Spielerinnen und Spielern und den Trainerinnen und Trainern aus den Ultimate-Nationalteams des DFV. Das Camp wird vom Open Nationaltrainer Stefan Rekitt organisiert und von bekannten US-Spielerinnen und -Spielern und US-Coaches geleitet: Amber Sinicrope, Leila Tunnell, (beide mehrere Jahre zusammen erfolgreich bei Boston Brute Squad, Foto: Ultiphotos), Russell Wallack und Jimmy Mickle.  

Die Verantwortlichen des Camps standen dem DFV kurz vor Beginn des GUTC zu einem Interview bereit. Das Interview wurde auf Englisch geführt und ins Deutsche übersetzt, die Fragen stellte Jörg Benner.

Was für eine Art von Camp dürfen die deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwarten? Habt Ihr bereits Erfahrungen mit vergleichbaren Camps?

Stefan: Der Fokus des Camps liegt ganz klar auf den Fundamentals. Die Entwicklung im Ultimate geht dahin, dass das Spiel immer schneller wird. Die Taktiken ändern sich über die Jahre oder gehen wieder zurück zum Anfang, wie z.B. bei der Renaissance des 1:6 Vertikal Stack zu sehen ist. Die individuelle Klasse der Spielerinnen und Spieler nimmt immer weiter zu und gewinnt an Bedeutung. Der Fokus des Camps liegt daher nicht auf Teamtaktiken. Der Fokus liegt auf den Fundamentals und Mental Toughness. Wir wollen unsere besten Spieler und Spielerinnen noch besser machen. Und die sollen ihre Erkenntnisse in die jeweiligen Club-Teams und Auswahlmannschaften weitertragen.

Daher war es mir wichtig, für das Camp Coaches zu verpflichten, die alle selber als Spieler und Spielerin zu den besten der Welt gehören oder bis vor kurzem dazu gehörten. Ich will unseren Spielerinnen und Spielern vermitteln, wie trainieren den die Besten? Sie machen fast dieselben Drills wie wir in Deutschland. Aber die Ausführung und Details unterscheiden sich. Gleichzeit wollte ich Coaches  verpflichten, die schon Erfahrungen im Coaching haben, speziell bei solchen Camps. Denn es ist enorm wichtig, dass die Kenntnisse auch gut vermittelt werden können. Ich denke, dass es gelungen ist, solche Coaches für unser Camp zu finden:

Jimmy war 2014 Counselor beim NUTC. In dem Jahr hat er übrigens mit Mamabird die College Nationals gewonnen, den Callahan Award gewonnen und die Nationals mit Johnny Bravo gewonnen. Er war Captain von Mamabird und Johnny Bravo und hat so ziemlich in jedem US-Nationalteam gespielt, von Junioren bis World Games. 2016 war Jimmy beim FLIK UK Ultimate Camp Lead Coach. Mit E.R.I.C. hat er zudem mehr als 75 Clinics an Schulen in den USA durchgeführt.

Amber war 2008 und 2009 sowie ebenfalls 2014 Counselor beim NUTC. Sie trainiert zudem seit 2015 bis heute das Frauenteam in Harvard. Darüber hinaus ist sie Captain von Brute Squad, womit sie 2015 und 2016 die US Nationals gewann und letztes Jahr wieder im Finale stand.

Leila war von 2007 bis 2011 beim NUTC. Von 2012 bis 2015 war sie sogar Assistant Director. Leila hat 2012 das U20 Frauen-Nationalteam der USA trainiert und seit 2009 trainiert sie unterschiedliche Schul- und Auswahlteams. 2015 gewann sie mit Brute Squad die US-Nationals und wurde von Ultiworld zum Female Player of the Year gewählt.

Russell war lange Spieler und Captain von Boston Ironside, womit er 2016 die US Nationals gewann. Er verfügt über eine lange Erfahrung als NUTC Counselor und arbeitet seit zwei Jahren mit Tiina Booth zusammen als Coach des College-Teams aus Amherst. Mit diesem Team erreichten sie letztes Jahr, mit unserem Nico Müller, das Halbfinale bei den College Nationals. Dieses Jahr wird Russell zudem die amerikanischen U20 Jungs bei der WM trainieren.

Wie ist die Idee für das Camp entstanden?

Stefan: Tiina Booth, die Erfinderin des NUTC, unterstützt uns seit Jahren bei dem Phillis Award. Ich habe sie mehrmals bei den US Nationals getroffen und viel über Ultimate gesprochen. Sie hat mich auf die Idee gebracht, eine Art NUTC in Deutschland zu organisieren. Als Russell dann letztes Jahr in München war, fingen wir mit den ersten Planungen an. Nachdem ich seit 2005 die deutsche Open Nationalmannschaft betreut hatte, wollte ich nun auch andere Divisionen einbinden, nämlich das Mixed-Nationalteam und die Frauen-Nationalmannschaft. Das ist mein persönlicher Beitrag zur Gender Equality Bewegung und natürlich auch in Hinblick auf ein starkes Team Deutschland wichtig für die nächsten Turniere und die Qualifikation für die World Games.

Russell: Stefan und ich sind seit 2012 befreundet, als er anfing, Boston Ironside bei den US Nationals zu begleiten. Darauf aufbauend – und mit der schon bestehenden Verbindung zwischen Deutschland und dem National Ultimate Training Camp und Tiina Booth im Hinterkopf – sprach ich Stefan drauf an, ob er nicht eine Serie von Clinics in Deutschland organisieren könne, als ich im August 2017 nach München kam. Diese Camps sind sehr gut angekommen, war mein Eindruck. Danach fragte mich Stefan, ob ich nicht 2018 wiederkommen wollte – diesmal mit mehreren anderen NUTC-Coaches im Gepäck und mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf Nationalteamniveau.

Welche Erwartungen bestehen an das Spielniveau, das die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland schon zum Camp mitbringen, vor allem im Vergleich zur USA?

Russell: Ich habe die höchsten Erwartungen. Die Spielerinnen und Spieler, die zum Camp kommen, haben die Qualitäten, um auf jedem Spielfeld der Welt bestehen zu können. Ich freue mich darauf, erneut mit deutschen Spielerinnen und Spielern zu arbeiten, die wissbegierig sind und sich verbessern wollen.

Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen Teams aus Europa und den USA und den Spielerinnen und Spielern?

Amber: Ein wesentlicher Unterschied zwischen den Teams aus Europa und den USA besteht insgesamt in den Ultimate Ressourcen, die zur Verfügung stehen: den Möglichkeiten Ultimate zu spielen, den Coaches, der Anzahl der Spielerinnen und Spieler – das ist ein enormer Wettbewerbsnachteil für die Europäer. In Europa gibt es Trainer fast nur für Nationalteams, europäische Spielerinnen und Spieler bekommen weniger Coaching und erhalten weniger Anleitungen als ihre Wettbewerber in den USA, die meist im Jugendbereich, im College und im Club-Level gecoacht werden. Dieser Unterschied bei den Möglichkeiten, gecoacht zu werden und Ultimate zu spielen, hat nicht nur auf die individuelle Entwicklung Einfluss. Dies kann auch die Entwicklung der Sportart verlangsamen, da es länger dauert, die Sportart richtig zu verstehen. Wenn man die Landesgröße und den Gesamtpool an Spielerinnen und Spielern betrachtet, dann ist es schon beeindruckend, wie viele Talente aus den einzelnen Ländern in Europa kommen.

Jimmy: Ich hatte auf internationalem Level die Gelegenheit, seit 2010 gegen mehrere Teams aus Deutschland zu spielen. Bei der U20 WM in Heilbronn 2010, der U23 WM in Toronto, der WUCC 2014 in Lecco, und bei den US Open 2015 und 2017. Da gab es über die Jahre eine beachtliche Entwicklung was die Skills angeht. Ich denke, dass Spielerinnen und Spieler sich immer schneller verbessern, weil das Niveau im nationalen Wettbewerb in Deutschland höher geworden ist. Das zwingt Spielerinnen und Spieler sich entsprechend anzupassen und zu verbessern, wenn sie an der Spitze bleiben wollen.

Amber: Ich bin mir nicht sicher, ob es eine Rolle spielt. Aber möglicherweise liegt ein weiterer Unterschied darin, mit welchem Mindset und mit welcher Einstellung in den Wettkampf gegangen wird. Als aufstrebende Nationen glauben europäische Teams vielleicht, dass sie etwas zu beweisen hätten. Wohingegen US-Teams schon viele Erfolge feiern konnten und daher fest daran glauben, dass sie wieder erfolgreich sein werden. Dieser Erfahrungsschatz führt möglicherweise dazu, dass US-Teams sich mehr auf ihr eigenes Spiel konzentrieren und weniger auf die Gegner schauen.

Kann das Camp ein wichtiger Schritt für Deutschland sein, die Lücke zu den US-Teams zu schließen?

Amber: Betrachtet man die gerade genannten Herausforderungen, was Ressourcen und den Erfahrungsschatz angeht, dann ist das Camp eine gute Gelegenheit, eine Grundlage zu bilden, die für ein starkes Nationalteam-Programm entscheidend ist. Das Camp soll dabei helfen, Wissenslücken zu schließen und fehlende Spielerfahrung zu kompensieren. Wir wollen den Coaches sowie den Spielerinnen und Spielern in Deutschland die Werkzeuge an die Hand geben, um ihren eigenen Einfluss auf das Spiel und die individuelle Entwicklung zu vergrößern. Das wird sich vielleicht nicht sofort und unmittelbar bemerkbar machen. Es wird aber einen Welleneffekt geben, wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihr neu gewonnenes Wissen mit zurück in ihre Club-Teams bringen. Das wird anschließend, mittelbar, auch auf die Leistung der Nationalteams Auswirkungen haben.

Kann man sagen, dass neben Athletik und Taktik auch die mentale Stärke eine Rolle spielt? Ist mentale Stärke am schwersten zu lernen?

Russell: Ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass das am schwersten zu lernen ist. Aber es ist sicherlich ganz häufig der Aspekt im Spiel, der am meisten vernachlässigt wird. Die Herausforderung, denen viele Athleten beim Mental Game gegenüberstehen ist einfach, dass es nicht leicht zu erkennen ist, was man dabei gerade genau entwickelt bzw. trainiert. Es fühlt sich meist nicht so konkret an, wie wenn man z.B. daran arbeitet, den Vorhandwurf zu verbessern. Für mich ist Mental Toughness die Fähigkeit, sich immer wieder auf den gegenwärtigen Augenblick, den Spielmoment, zu fokussieren. Im Grunde genommen geht es um Widerstandsfähigkeit. Wie widerstandsfähig ist dein Fokus? Nach einem Gegenpunkt, kannst du dich vor dem nächsten Punkt wieder voll und ganz auf das Wesentliche konzentrieren?

Was können europäische Mannschaften in Bezug auf mentale Stärke lernen? Wie kann das trainiert werden?

Leila: Ich denke, dass ALLE Mannschaften immer daran arbeiten können, den mentalen Aspekt des Spiels und den eigenen Ansatz hierzu weiter zu entwickeln. Mentale Stärke weiter zu entwickeln ist beides, eine persönliche Herausforderung für den Einzelnen und eine kollektive Herausforderung für das Team. Jeder Einzelne muss ständig im mentalen Bereich an sich arbeiten und seine Einstellung immer wieder neu anpassen. Und es ist auch wichtig, dass das Team einen geeigneten Rahmen bietet und eine gemeinsame kommunikative Grundlage bildet als Teil einer größeren Teamphilosophie und Teamkultur. Wir werden verschiedene Werkzeuge und Strategien vorstellen, die uns und unseren Teams geholfen haben, fokussiert zu bleiben, im Moment zu bleiben, und sich bestmöglich vorzubereiten und bestmöglich zu performen.

Wart Ihr schon einmal in Deutschland? Was erwartet Ihr von der Reise?

Amber: Ich war noch nie in Deutschland und ich freue mich sehr über diese Möglichkeit. Obwohl wir eigentlich herkommen, um zu coachen und unsere Erfahrungen zu teilen, erwarte ich auch zu lernen und mich selber als Spielerin und Coach zu entwickeln. Ich freue mich auch darauf, neue Beziehungen zur internationalen Ultimate Community zu bilden und meine bestehenden Verbindungen zu vertiefen.

Jimmy: Ich war nicht mehr hier, seit ich 2010 in Heilbronn Junioren gespielt habe. Ich freue mich zum einen darauf, von vielen Top-Spielern zu lernen, und zum anderen darauf, meinen Erfahrungsschatz zu teilen, den ich durch das Spielen mit vielen verschiedenen Mannschaften rund um die Welt gewonnen habe.

Russell: Ich war jetzt dreimal in Deutschland und jedes Mal hat es viel Spaß gemacht. Ich habe die meiste Zeit in und um Berlin und München herum verbracht. Ich bin gespannt darauf, eine neue Region und neue Leute kennen zu lernen und selber von all den Spielerinnen und Spielern sowie Coaches zu lernen.

Leila: Ich war vorher noch nie in Deutschland und ich freue mich darauf, weitere Verbindungen innerhalb der internationalen Ultimate Community zu knüpfen.

Zum Schluss noch: Was sollte am Ende des Camps das größte Take-Away für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sein?

Jimmy: Ich wünsche mir, dass ein wichtiges Take-Away das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sein wird, auf dem höchsten internationalen Wettkampflevel konkurrieren zu können. Ich denke, dass die Kombination aus körperlichem und mentalem Training den Spielerinnen und Spielern, die bereits auf einem hohen Niveau sind, helfen wird, das nächste Level zu erreichen. Ich möchte, dass die Spielerinnen und Spieler erkennen, wie wichtig die Details sind, und dass die besten Spielerinnen und Spieler darin investieren und den Fokus auf Dinge legen, die für anderen unwesentlich erscheinen mögen.

Amber: Eine wichtige Erkenntnis wird sein, wie bedeutend die fundamentalen Skills und Mental Toughness sind, um ein besserer Spieler bzw. eine bessere Spielerin zu werden und ein Team bzw. ein richtiges Team-Programm zu entwickeln. Das gilt für jedes Level.

Russell: Ich würde mir wüschen, dass Spieler und Spielerinnen sowie Coaches ein größeres Verständnis für die Selbstbestimmung bzw. die Entscheidungsfreiheit bekommen, die sie haben. Ich hoffe, dass unsere gemeinsame Zeit beim Camp ihnen vermittelt, wie sehr ihre Entwicklung und ihr Erfolg von ihnen selbst abhängt. Und ich hoffe, dass sie vom Camp Fähigkeiten und Strategien mitnehmen, die sie für diese Entwicklung nutzen können.

Leila: Obwohl wir den Schwerpunkt stark darauf legen werden, was wir als die fundamentale Bestandteile des Spiels ansehen, hoffe ich doch, dass die Spielerinnen und Spieler erkennen, dass es nur sehr wenige „richtige Antworten“ gibt. Jede Spielerin bzw. jeder Spieler und jedes Team hat einen leicht unterschiedlichen Ansatz. Und obwohl wir zeigen können, was für uns selber funktioniert hat, so sind doch am Ende alle unsere Erfahrungen unterschiedlich und wir haben jeder für sich einen Weg gefunden, um erfolgreich zu sein. Ich hoffe, dass die Spielerinnen und Spieler davon profitieren können, unsere unterschiedlichen Perspektiven kennen zu lernen. Und ich hoffe, dass sie für sich einige passende  Werkzeuge, Ansätze, Strategien oder Philosophien finden werden.


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