Regeln ohne Schiedsrichtende

EYUC2013_Verhandlung_GBR-FRA-Junior-Open„Das Leben ist ein Spiel mit vielen Regeln, aber ohne Schiedsrichtende.“ (Joseph Brodsky)

Auf dem US-Portal contexts.org schreibt der erfahrene Ultimate-Spieler Philip Vlahakis über Unterschiede zwischen Sportspielen mit und ohne externe Schiedsrichtende. Contexts ist ein quartalsweise erscheinendes Soziologiemagazin. Er steigt ein mit der legendären Geschichte von Maradonas „Hand Gottes“, als dieser bei der Fußball-WM 1986 gegen England ein illegales Tor erzielte, das vom Schiedsrichter jedoch anerkannt wurde.

Niemand hätte erwartet, schreibt der Autor, dass er sein im TV offensichtliches Handspiel zugibt, niemand hätte aber auch seine Umschreibung erwartet. Der Punkt ist die so genannte Tatsachenentscheidung der Schiedsrichtenden im Fußball, an die sich alle Beteiligten zu halten haben. Demgegenüber stellt er das Konzept im Ultimate vor, bei dem sich die Spielenden ohne externe Schiris einigen, auch wenn es gegen alle Vernunft zu sprechen scheint, auf die positive menschliche Natur zu vertrauen (Bilder rechts und links: EYUC 2013).

Er führt das Szenario aus, wie es sich Unbeteiligte vorstellen könnten: Es müsste Kämpfe unter den Zuschauern und auf dem Spielfeld geben, vielleicht sogar Tote. Dennoch gibt es einen hochgradig wettkampforientierten Spielsport Ultimate, über den am 16. Juni 2016 sogar die New York Times berichtet hat: „A Sport Without Referees? It’s the Ultimate Debate”. Der Sport bemüht diese Idee unter dem Begriff „Spirit of the Game“ bereits seit fast 50 Jahren.

EYUC2013_Check_FRA-ITA-Junior-WomenVlahakis berichtet über die Entstehung des Sports in den späten 1960er Jahren, die das etwas idealistische Ziel der Selbstregulierung begünstigten, auf Basis eines Wettbewerbs, der auf Wertschätzung und Respekt vor den Gegenspielenden beruht. Strittige Begebenheiten auf dem Spielfeld selbst durch Rufe („Calls“) anzuzeigen wird dabei von den Regeln verlangt. Dies wurde ihm in der Highschool 1978, als er den Sport zu spielen begann, zusammen mit der Wurftechnik beigebracht.

Dies in angemessener Weise umzusetzen erfordert jedoch Übung und „Anstand“. Daher hat sich nach 20 Jahren einer breit gestreuten Entwicklung in den USA, in derselben Zeit als Maradonas „Hand Gottes-Tor“ fiel, das „Observer“-Wesen im US-Ultimate etabliert. Spielbeobachter haben Befugnis, Spielende zu überstimmen. Hintergrund war teilweise schlechtes und unangemessenes Verhalten, das ungestraft durchging. Zum Einen waren dies nur ein paar „faule Äpfel“, zum Anderen – und weit häufiger – aber das absichtliche Überreizen der Freiheit durch Spielende, die im Eifer des Gefechts nicht objektiv bleiben können und sich möglichst viele Vorteile verschaffen wollten.

vlahakis_christina-schmidt_ultiphotosGleichzeitig, weist er darauf hin, ging es damals wie heute noch um keine Preisgelder. Wie sollte das dann erst funktionieren, wenn es um weit mehr ginge, um Sponsoren, Kommerz und Fernsehübertragungen? Anfangs hatten Observer nicht das Recht ihre Meinung zu sagen, ehe sie von den Beteiligten zu einer Situation befragt wurden. Dennoch waren anfangs die Befürchtungen groß, die Observer würden die Selbstregulierung der Spielenden einschränken. Dies erwies sich nach Ansicht des Autors als falsch (Foto von Philip Vlahakis von Christina Schmidt/Ultiphotos.com).  Vielmehr betrachtet er das Observer-System als Garant für die funktionierende Selbstregulierung, insbesondere nachdem Ultimate in den USA exponentiell gewachsen ist. Jedenfalls habe es dem Kernprinzip des Sports nicht geschadet, zu dem sich auch heute der nationale Dachverband USA Ultimate bekennt.

Daher würde er auch jedem entschlossen widersprechen, der den Spirit of the Game im Ultimate als fruchtlose Bemühung bezeichnete. Die Times zitiert Ultimate-Captains, die die Lehre des Sports als ideal für ein Event wie die Olympischen Spiele betrachten. Für ihn zentral ist jedoch die Frage, ob ein Sport, der Fairplay und Aufrichtigkeit voraussetzt, diese Eigenschaften bei seinen Ausübenden häufiger entwickeln und zeigen lässt? Einschub: Das ist der Grund, warum der Deutsche Frisbeesport-Verband entsprechende Workshops zur Vertiefung der grundlegenden Anforderungen an die Spielenden ausgearbeitet hat.

DM09-Openfinale2Einer Studie des US-Vorläufer-Verbands „Ultimate Players Association“ aus dem Jahr 2007 ergab, dass 85 Prozent der Befragten den „Spirit of the Game“ als wesentlich für den Sport bezeichneten (Bild: Ultimate-DM 2009). Demnach wolle die Mehrheit wenigstens versuchen sich gut zu verhalten, woran er nichts Schlechtes finden könne, so Philip Vlahakis. Er sieht sich bestätigt durch eine Kooperation, die die Pfadfinder in den USA im Jahr 2015 mit USA Ultimate geschlossen haben. Zudem sehe er die positiven Einflüsse, die Ultimate auf den Alltag habe, Woche für Woche in der „New York City League“, in der die Spiele sehr wettbewerbsorientiert, aber nur selten umstritten seien – und dies ganz ohne Schiedsrichtende oder Observer.

Er hofft, dass sich dies in den Vereinigten Staaten auf vielen Ebenen des Sports so verhalte, indem die vorrangigen Werte der Sportlichkeit und der Selbstregulierung hoch gehalten werden. Anmerkung des Rezensenten: Dies ist auch auf dem gesamten europäischen Kontinent noch so. Dort haben Nationalteams seit 2014 lediglich mit dem „Game Advisor“-System des Weltverbands WFDF Bekanntschaft gemacht, das keine aktive Einmischung in den Entscheidungsprozess vorsieht – lediglich in den des Herbeiführens der Entscheidung.

Philip Vlahakis glaubt daran, dass diese positiven Charakterzüge in andere Bereiche des Lebens übertragen werden. Zwar gebe es genügend Situationen im Leben, in denen sowohl Gesetze als auch ein vorurteilsloses Mittel zu ihrer Durchsetzung nötig seien. Doch zurückbezogen auf das Eingangszitat sollten wir nicht auf allen Ebenen und bei allen Aktivitäten das Leben begutachten lassen. Indem wir ein selbstreguliertes, charakter- und freudebetontes Verhaltenmodell einüben, könnten wir unabhängiger davon werden auf eine Durchsetzung der Regeln von außen angewiesen zu sein. Es könnte sogar gelingen einen vollständig menschlichen Geist („Spirit“) zu entwickeln, ohne auf eine ersonnene Hand Gottes zurückzufallen.


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