Interview mit Jan Bäss, Greg Marter und Michael Osterhoff über ihr Dokufilmprojekt "The Invisible String"

DFV: Jan, Greg, Michael, im Neuen Jahr soll Euer Film „The Invisible String“ erscheinen. Wo steht Ihr im Moment, gibt es dazu bereits eine genauere Terminvorstellung und einen Wunschort für die Premiere?

The Invisible String (TIS): Wir sind im Schnitt, d.h. wir versuchen innerhalb der nächsten 6 - 9 Wochen einen ersten Rohschnitt zu haben, an dem wir dann weiter feilen werden. Da alles viel länger dauert als wir es wollen, ist es gerade bei uns kein aktuelles Thema, wo die Premiere sein könnte. Klar wäre es schön in Berlin, New York, Kalifornien oder natürlich auf dem Sundance Festival - da es dort eine Kombination aus Flugscheiben-Publikum und Filmbusiness-Leuten geben wird.

DFV: Wo und mit wem habt Ihr überall gedreht - inklusive einem Abschlussdreh im New Yorker Central Park?

TIS: Dadurch, dass wir zweimal in NY waren, haben wir dort viel drehen können. Dazu haben wir im Becken von LA, Nord- und Süd-Kalifornien, Ft. Collins in Colorado, Paganello in Rimini, in Frankreich auf der Discgolf-EM, Tokio und Berlin gedreht.

Wir haben viele Wegbereiter des Frisbeesportes getroffen! Viele Menschen, die mit ihrer Liebe zur Frisbee etwas Geld verdienen konnten und diverse Weltmeistertitel auf sich vereint haben, wie: Dan „Stork" Roddick, Victor Malafronte, John Kirkland, Erwin Velasques, das Bud Light Team: Joey Hudoklin, Chipper Bro Bell und Crazy John Brooks; von den „Coloradicals" Bill Wright und Larry Imperiale. Außerdem andere früh gesponserte Spieler, wie John Meiers und Richie Bartle als auch das Vater-Sohn-Gespann Krae und Ken van Sickle. Da wären noch Skippy Jammer, Tom Schott, Tommy Lightner, John „Z" Weyand und Derek Robbins. Sowie sehr viele aktuelle Freestyler aus New York, Deutschland und Italien.

Mit Irv Kalb und Tom Kennedy haben wir wichtige historische Spielerpersönlichkeiten aus dem Ultimate interviewen können. In Rimini sind sogar Thomas Griesbaum und der Rü durch das Bild gelaufen, da ging es uns aber um die Besonderheiten des Beach Ultimate und deren Initiatoren Pippo und Patrick.

Natürlich gibt es auch Künstler: mit Scott Starr haben wir einen berühmten Skate- und Snowboard-Fotografen besucht, dessen Leidenschaft die Frisbee ist. Und er hat richtig schicke Bilder! Gerry Lynas ist ein Mitglied der Disc Community in New York. Er hat sehr viele Scheiben und Spiele designed und unter anderem auch das New York Flying Disc Institute ins Leben gerufen. In Japan konnten wir direkt beim Scheibendesign zusehen und filmen. Echte Handarbeit beim Spin Collectif Tokio.

Aber die persönlichen Entstehungsgeschichten um die Wurfscheiben sind so vielfältig, da sollte man am besten eine Film-Serie daraus machen...

DFV: Was hat Euch dazu bewogen, diesen Dokumentarfilm in dieser Umfänglichkeit anzugehen?

TIS: Die Welt schreit danach! Und wir sind die, die es am lautesten hören. Es gibt bereits über alle möglichen - teilweise sehr belanglose Themen – Dokufilme. Allerdings über dieses weltweit verbreitete Phänomen nicht. Das kann so nicht sein.

Jan Bäss hat 2000 bei den Worlds in Heilbronn zum ersten Mal eine Scheibendokumentation über Ultimate und Guts eigenständig hergestellt. Der Turnierdirektor Mark Kendall sagte, dass er keine bessere Turnierdoku kennt, weil darauf geachtet wurde, den Spirit und den Spass auch in den Vordergrund zu stellen. Dann kam es zu den Disc Golf-Filmen in Zusammenarbeit mit Micki Fröhlich von den Hyzernauts.

Darauf gab es dann wieder internationale Nachfragen, z.B. die Doku über das erste PDGA Major Turnier in Europa, welches in Finnland stattfand. Auch die Dokus über die Disc Golf-EM in Belgien und die DM in Söhnstetten. Als wir drei (Jan, Greg, Michael) dann beschlossen haben, eine Kinofilm-Dokumentation über die Welt der Scheiben zu drehen, war das eine natürliche Evolution.

Jan hatte sogar schon Jahre vorher in Bremen ein Konzept für eine europaweite Scheibendoku zur Filmförderung eingereicht. Damals war das ablehnende Argument der Jury, das es viel zu speziell ist und niemand das sehen will.

Einer aus diesem verjährten Konzept, nämlich Derek Robbins, schafft es nicht nur jetzt dabei zu sein, sondern er war auch der erste der 1000$ gespendet hat! Vielleicht hat es auch etwas damit zu tun, dass er die DVD vom finnischen Turnier so gut fand und er uns den großen Wurf genauso zutraut. Vielleicht will er aber auch sicher gehen, dass er auf alle Fälle im Film auftaucht und wenn es auch nur im Abspann sein sollte :-)

Wir können feststellen, dass das weltweite Interesse an unserer Doku über die Scheibenwelt spätestens seit dem Tod von Fred Morrison gestiegen ist - insbesondere weil wir dem weltweiten Phänomen in dem Ursprungsland USA auf den Grund gehen.

DFV: Was erwartet den Zuschauer (thematische Schwerpunkte, Länge und look-and-feel betreffend)?

TIS: Der Hauptschwerpunkt liegt auf dem "Spaß am Spielen". Für den Nicht-Frisbeespieler wird es demnach ebenso interessant - für Frisbee-Spieler wird der Film ein MUST SEE!

Es ist ein Einblick in das Familienalbum der Frisbee Familie - ohne sich im kleinsten Detail zu verlieren. Die meisten Spieler kennen nur die Person, von der sie den Spaß am Werfen vermittelt bekommen haben.

Wir gehen in die Anfänge zurück, zu den Frisbee-Enthusiasten, die für den Spaß am Spiel verantwortlich sind. Wichtig ist dabei aber der kleine Spruch: PLAY CATCH INVENT GAMES. „The Invisible String" wird die Evolution der Einzeldisziplinen aufzeigen und dabei natürlich auch die Rose Bowl Jahre mit einbeziehen, als die verschiedenen Spielformen mit den Scheiben zum ersten Mal einem größeren Publikum offeriert wurden.

Die Reise unseres Protagonisten Takashi, von Tokio nach New York, bildet dabei eine Parallele zu den Reisen der Spieler aus den Rose Bowl-Jahren - die Reise zu den beliebtesten Frisbee-Spots geht also weiter.

Da wir auch einiges an Bildern und Filmmaterial aus den 70ern haben, wird das natürlich auch auf den Look Einfluss haben. Es wird auf jeden Fall schick. Wir haben gewisse Design- und Stylevorstellungen, die noch nicht publik gemacht werden sollen. Um einen Hinweis auf den Look zu geben: Es wird nicht Sesamstraße mit der Scheibe!

DFV: Für diejenigen, die es nicht wissen: Worauf bezieht sich der Titel? - Gibt es andere erstaunliche Neuigkeiten, die in dem Film zu erfahren sind?

TIS: Worauf sich der Titel bezieht, wird ebenfalls noch nicht verraten! Der Film ist gespickt mit Erstaunlichkeiten, die ebenfalls noch nicht verraten werden. Logisch.

DFV: Auf der Seite kickstarter.com ist bereits ein Trailer zu sehen. Wie sieht es aus mit der Geldbeschaffung zur Realisation der finalen anstehenden Aufgaben?

TIS: Schauen wir mal, wie es bei Kickstarter.com läuft, bis jetzt sind wir gut im Rennen. Allerdings bekommen wir nichts, wenn wir unser Spendenziel nicht erreichen. Abgesehen davon, ist das Ziel eher viel zu tief angesetzt und es würde überhaupt NICHT SCHLIMM sein, wenn wir eine höhere Summe an Spendengelder generieren könnten als wir sie angegeben haben.

DFV: Wenn ich mir den Trailer ansehe, scheint eine zentrale Frage zu sein, ob "Frisbee" mehr eine Kunst- und Lebensform oder doch eher Sportarten sind. Wie seht Ihr das?

TIS: Uns geht es weniger um die großen sportlichen Erfolge als um den Spaß am Spiel und die Spielvariationen. Da bietet sich Freestyle an, eine zentrale Rolle in unserem Film zu bekommen, weil es so herrlich offen und verspielt ist. Und ab einem gewissen Level wird es zur Kunstform. Genauso aber ist es im Ultimate, wenn in einem Team ein perfekter Flow herrscht. Mann nennt gute Ballsportler ja auch Ballkünstler, insofern finden wir die Frage berechtigt: ob Frisbee ein Sport oder eine Kunstform ist.

Vielleicht ist es aber auch eine ZEN-Übungsform? Im Moment des perfekten Passes oder des perfekten Wurfes aus über 100m in einen Disc Golf Korb, stellen sich so manche Fragen. Aber es stellen sich keine Fragen für den Werfer, der wirft einfach und ist im Einklang mit sich und seiner Umwelt.

DFV: Was waren für Euch die beeindruckendsten Momente rundum die Dreharbeiten?

TIS: Es ist schon ein Wahnsinn, wie wir überall aufgenommen wurden. Selbst Michael als nicht aktiver Spieler, hat die besondere Freundschaft innerhalb der Frisbee Familie kennen gelernt und für Greg und Jan war es eine intensive Lebenserfahrung nach den Wurzeln des Spiels zu graben und unseren spielerischen Eltern einen Besuch abzustatten.

DFV: Denkt Ihr mit dem Rose Bowl-Auftritt Anfang der 1980-er Jahre hatte der Frisbeesport eine bisher nicht wieder erreichte Popularität erlangt?

TIS: Mittlerweile spielen viel mehr Spieler und es gibt eine höhere Dichte an guten Spielern und Turnieren als jemals zu vor. Dementsprechend ist die Frisbee so populär wie niemals zu vor. Das besondere am Rose Bowl ist natürlich, dass es ein perfekt organisierter und perfekt vermarkteter Höhepunkt in der WHAM-O Frisbee Geschichte war. Es war ein Meilenstein, um die Spielformen ins Rampenlicht zu stellen. Mittlerweile ist das nicht mehr wirklich nötig. Alle Scheibensportarten wachsen seit diesem Zeitpunkt stetig. Ein Beispiel: schon vor 10 Jahren konnte man in Vancouver kein neues Ultimate-Team mehr für den stadteigenen Liga Betrieb anmelden, weil an jedem Tag in der Woche auf jedem freien bespielbaren Feld schon Teams spielten.

Davon kann man zwar in anderen Städten und Ländern nur träumen, aber die Tendenz ist überall gleich. Mehr Spieler, mehr Turniere, mehr Schulen, Unis, Clubs, die sich mit Scheiben-Werfen die Zeit vertreiben. Auch das ist eine Parallele zum Rose Bowl. In den Anfangsjahren 74 und 75 wurden die Teilnehmer durch dem Proficiency Test ausgewählt. Die eigentlichen Spiele, also Ultimate und Guts waren zunächst nur Showprogram und Disc Golf kam auch erst später dazu. Das hat sich bei den späteren RB's verändert, mit mehr Spielen und mehr Spielern.

DFV: Wie seht Ihr nach den zahlreichen und intensiven Gesprächen und Recherchen die Zukunft des Frisbeesports?

TIS: Die Zukunft wird rosig. Es wird gemunkelt, dass im Jahre 2020 mehr Menschen Scheiben werfen, als alle Ballspieler zusammengezählt mit Bällen spielen.

DFV: Zuletzt noch mal die Frage: Wann etwa denkt Ihr werden Zuschauer in aller Welt in den Genuss dieses Dokumentarfilms kommen?

TIS: Die Antwort können wir derzeit noch nicht geben. Da es unser erstes gemeinsames Kinoprojekt ist und wir nicht so aus dem vollen Schöpfen können, wie wir das gerne würden, kann sich der Kinostart noch etwas hinauszögern. Unsere Hoffnung bleibt, dass wir „The Invisible String" im späten Sommer 2011 auf den Festivals zeigen dürfen und danach die Reise in die Kinos antreten werden!

DFV: Bis dahin stehen die neusten Informationen auf den Seiten www.facebook.com/pages/The-Invisible-String/83602001545 und http://theinvisiblestring.wordpress.com/.

Vielen Dank für das Gespräch.