Interview mit DFV-Vizepräsident und Ultimate-Vorstand Bernhard Otto, Mitspieler der Open Ultimate-Nationalmannschaft und des Rekordmeisters Feldrenner Mainz
Geschrieben von: Jörg Benner Dienstag, den 05. Juli 2011 um 18:52 Uhr
DFV: Bernhard Otto, seit der vergangenen Jahreshauptversammlung bist Du nicht nur Ultimate-Vorstand, sondern auch DFV-Vizepräsident - wenn auch voraussichtlich nur für ein Jahr. Welche Aufgaben sind mit diesem zusätzlichen Posten verbunden?
Bernhard: Im geschäftsführenden Vorstand stehen regelmäßig Fragestellungen aus dem Tagesgeschäft an. Das betrifft sowohl Anfragen vom WFDF als auch die Vergabe von DFV-Turnieren oder finanzielle Fragen zur Förderung der Nationalteams. Hier leistet Jörg sehr gute Vorarbeiten, aber trotzdem muss man sich oft erstmal in die Materie einlesen, um dann seine Stimme abzugeben.
DFV: Wenn wir die Ultimate-Entwicklung ansehen, hat die Umsetzung der neuen Relegations-Struktur begonnen. Wie wurde das neue System nach dem ersten Wochenende in Heidelberg akzeptiert?
Bernhard: Im Allgemeinen habe ich nur positive Stimmen gehört. Aber ich musste noch viel zum Modus erklären, da er doch nicht vergleichbar mit den bisherigen Relegationen ist. Aber ich denke, dass spätestens im 2. Jahr hier alle genau wissen, wies läuft.
DFV: Welche Veränderungen sind noch immer häufig zu erklären. Wo bestehen Unklarheiten?
Bernhard: Die 3 Pool Runden sind natürlich zunächst etwas verwirrend. Die 4 Erstrundenpool werden in je zwei Top- und Bottom-Pools aufgeteilt. In der 3. Runde bilden die ersten der Bottom-Pools und die letzten der Top-Pools zwei Middle-Pools. Dazu gibt es noch den Top4 und den Bottom4 Pool. Die Teams interessiert vor allem, ob sie immer noch eine Chance auf die erste Liga haben bzw. ob sie jetzt schon sicher "durch" sind. Der Vorteil des Systems ist sicherlich, dass 12 der 16 Teams nach dem ersten Wochenende noch nicht qualifiziert sind, aber noch alle Chancen haben. Nur die Top4 Teams sind schon qualifiziert. Bei denen geht es jetzt darum, sich durch ihren Setzplatz eine gute Ausgangsposition auf der DM zu verschaffen.
DFV: Wenn Du auf Heidelberg zurückschaust, was hat Dich sportlich am meisten überrascht? Worin liegt für Dich nun die Spannung für das zweite Turnierwochende?
Bernhard: Ich hatte nicht erwartet, dass der amtierende Deutsche Meister Frizzly Bears aus Aachen den Verlust von zwei Leistungsträgern so gut wegsteckt. Durch eine geschlossene Mannschaftsleistung haben sie ihre Hälfte mit 5 Siegen gewonnen. Die Spannung für das zweite Turnierwochenende liegt jetzt im Vergleich der beiden Hälften. Durch den Modus gab es bislang kein einziges Spiel zwischen diesen beiden Hälften. Die letzte Poolrunde wird nun zeigen, ob beide Hälften gleichstark sind oder ob eine Hälfte stärker besetzt ist. Ab Samstag Nachmittag gehen dann die KO-Spiele los. Hier wird es auch viele sehr interessante und heißumkämpfte Spiele geben.
DFV: Persönlich bist Du mit dem Mainzer Rekordmeister "Feldrenner" erst in der "unteren" Hälfte gelandet, d.h. Ihr wurdet in der Vorrunde Gruppendritter. Welche Chancen rechnet Ihr Euch für das Erreichen der 1. Liga und der Top 6 fürs EUCR aus?
Bernhard: Für uns war der Turnierverlauf natürlich enttäuschend. Wir hatten kein einziges knappes Spiel, entweder haben wir deutlich verloren oder deutlich gewonnen. Dadurch wissen wir nicht genau, wo wir leistungsmäßig stehen. Jetzt wollen wir natürlich durch die Hintertür wieder in die Top8 einziehen. Da es bislang keine Vergleiche mit der anderen Hälfte gab, können wir die Leistungsstärke unserer nächsten Gegner nur schwer einschätzen. Aber wir erwarten ein paar Leistungsträger zurück, die bei der Reli 1 verletzt oder verhindert waren und sind zuversichtlich, dass wir uns sowohl für die 1. Liga als auch für das EUCR qualifizieren werden.
DFV: Glaubst Du, dass mit diesem System (erweiterbar auf zwei Quali-Turnier Nord und Süd mit ebenfalls bis zu 16 Teams) die Open Ultimate-Freiluftsaison für die nächsten Jahre gut fahren wird?
Bernhard: Das Reli-Turnier wurde sehr gut angenommen. Die zweigeteilte Qualifikation Nord und Süd hingegen noch nicht. Beide Qualis werden mangels Interesse nur an einem Wochenende ausgespielt. In der Quali Nord sind immerhin 11 Teams am Start. Bei der Quali Süd ist zur Zeit sogar noch unklar, ob alle sieben zu Verfügung stehenden Plätze in der 2. und 3. Liga besetzt werden können. Dieses Jahr hatten wir aber auch extrem damit zu kämpfen, dass wir lange Zeit keine Ausrichter und damit auch keine Termine hatten. Einige Teams waren daher an dem Quali Wochenende schon anderweitig verplant. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob es in Deutschland genug Spieler gibt, die Ultimate als Leistungssport betreiben wollen. Wenn wir genügend dieser Spieler haben, um mit 48 Teams 3 Wochenenden Reli, Quali und DM zu spielen, dann werden wir in Deutschland einen großen Schritt voran gehen können.
DFV: Was muss geschehen, damit die Terminplanung in den kommenden Jahren (also ab 2012) einfacher und besser planbar für alle beteilgiten Teams wird?
Bernhard: Das Wichtigste: Es müssen mehr Teams bereit sein, ein offizielles DFV-Turnier auszurichten. Bislang gibt es kaum mal mehr als einen Bewerber für ein bestimmtes Turnier. Wir müssen also nehmen, was wir kriegen. Das gilt sowohl für den Termin, als auch für die Qualität. Man kann sich schlecht darüber beschweren, dass die Turniere immer teurer werden, wenn wir auf der anderen Seite keine Konkurrenz bei der Bewerbung haben. Vielleicht müssten auch die Turniere noch teurer werden, damit mehr für die Veranstalter abfällt. Vielleicht würde das die Bereitschaft erhöhen?
Ein wichtiger Punkt für eine frühzeitige Planung sind aber auch die internationalen Turniere. Für 2012 steht immer noch nicht fest, wo und wann die Erwachsenen- und die Junioren-Weltmeisterschaft stattfinden. Wie dieses Jahr werden wir unsere deutschen Turniere um diese beide Events herumlegen müssen. Solange die nicht feststehen, können wir nicht mit der nationalen Planung beginnen.
DFV: Neben dem ganzen organisatorischen Aufwand bist Du auch im Open-Nationalteam aktiv. Ihr hattet eine tolle Erfahrung beim 1. Turnier der UK-Tour. Wie würdest Du den Turnierverlauf für "Inside Rakete" (das dt. Open-Nationalteam) beschreiben?
Bernhard: Wir haben bekommen, wofür wir hingefahren sind: knappe Spiele gegen Top-Teams. Gegen Fusion und Fire haben wir mitgehalten und Nervenstärke bewiesen. Beide Begegnungen haben wir mit einem Punkt gewonnen. Im Halbfinale gegen Clapham haben wir auch lange mitgehalten, leider nicht ganz bis zum Schluss. Aber wir haben wertvolle Erfahrungen gesammelt und wissen jetzt, woran wir die letzten Wochen bis zur EM noch arbeiten müssen.
DFV: Wenn Du Dir die Top-Teams der UK-Tour ansiehst, worin liegen die wesentlichen Unterschiede gegenüber den deutschen Top-Teams - Athletik, Variabilität der Taktik, klarere Rollenaufteilung, Wurfstärke, was sonst?
Bernhard: Ein bisschen ist es im Ultimate wie im Fussball. In England gibt es eigentlich nur 3 Teams, die ein Tour Event gewinnen können: Clapham, Fire und Chevron. Dann gibt es noch ein, zwei Teams die an einem guten Tag mal mithalten können, aber danach fällt das Niveau schon deutlich ab. In Deutschland geht alles viel enger zu. Da kann auch mal ein Team, das im Vorjahr in der 2. Liga gespielt hat Deutscher Meister werden. Da sich in England die Spitzenspieler auf wenige Teams verteilen, ist dort die Leistungsdichte viel breiter als bei einem deutschen Club Team. Darüber hinaus sind die Unterschiede in den letzten Jahren meiner Meinung nach eher kleiner geworden. Auffällig war auch, dass viele englische Teams auch "Kick and Rush" spielen. Also jede Gelegenheit für einen langen Wurf nutzen und im Misserfolg dann versuchen einen frühen Turnover zu erzeugen. Das steht etwas im Gegensatz zum deutschen Ultimate, das doch eher auf ein fehlerfreies Spiel abzielt.
DFV: Einer der Höhepunkte dieses Jahres wird die Ultimate-EM im slovenischen Maribor sein. Welche Aussichten haben die vier teilnehmenden deutschen Teams nach Deiner Einschätzung?
Bernhard: Ich denke die Damen, Mixed und Open können alle bis ins Halbfinale vorstoßen. Ab da zählt dann hauptsächlich die Tagesform aber auch ein bisschen das Glück. Ich hoffe, dass wir mindestens ein deutsches Team am Samstag im Finale anfeuern können. Zu den Masters kann ich leider nicht viel sagen. Ich kenne das Leistungsvermögen des deutschen Teams nicht so genau und außerdem weiß ich nicht, wie stark die anderen Nationen sein werden.
DFV: Was sind für Dich weitere Punkte, die Du dieses Jahr sportlich oder auch organisatorisch noch erreichen möchtest?
Bernhard: Neben der EM mit dem Nationalteam will ich mich mit den Feldrennern für die erste Liga und für die EUCS qualifizieren. Nachdem die organisatorischen Aufgaben für die Nationalteams und die Outdoorsaison 2011 bald abschlossen sein werden, kann ich mich an die Vorbereitung für die Saison 2012 machen. Hier muss unser Ziel sein, frühzeitig mit der Ausrichtersuche sowohl für die Indoor- als auch für die Outdoorsaison zu beginnen.
DFV: In diesem Sommer steht unser bewährter Spielmoduskoordinator Flo Pfender leider nicht zur Verfügung, dadurch bleibt viel Arbeit an Dir hängen.
Bernhard: Ja das stimmt. Man weiß erst, wie wertvoll die Arbeit ist, die jemand macht, wenn er nicht mehr da ist. Das ist wirklich sehr viel Arbeit und Flo hat sehr viel Erfahrung in diesen Dingen. Ich hoffe er ist bald zurück und kann diesen Job auch wieder übernehmen.