Interview mit Stefan Rekitt, Cheftrainer des Deutschen Open Ultimate-Nationalteams, Bronzemedaillengewinner bei der EM 2011 in Maribor
Geschrieben von: Jörg Benner Dienstag, den 09. August 2011 um 08:19 Uhr
DFV: Stefan, Gratulation zur Bronzemedaille bei der Ultimate-EM in Maribor! Bist Du alles in allem mit den gezeigten Leistungen Deines Open-Teams zufrieden?
Stefan: Ja, wir können sehr zufrieden sein. Endlich wieder eine Medaille nach 14 Jahren. Bei unserem ersten Treffen der Open-Nationalmannschaft im Januar 2011 haben wir ausgiebig über unsere Erwartungen gesprochen. Die Mehrheit der Spieler hat dabei das Erreichen des Halbfinales als realistisches Ziel angegeben. Wenn man die Leistung von Schweden im Finale und GB im Halbfinale ansieht, muss man anerkennen, dass der 3. Platz ein sehr gutes Ergebnis für uns ist. Man muss auch sehen, dass die Clubteams aus Schweden, England und der Schweiz bei den WUCC und EUCF regelmäßig vor den Deutschen Clubmannschaften landen.
DFV: Eure Vorstellung war grandios - mit einem Sieg mehr würde ich sensationell sagen - wo siehst Du die stärksten Verbesserungen?
Stefan: Nach dem enttäuschenden Abschneiden in Vancouver haben wir uns vor allem zwei Dinge vorgenommen. Ein Ziel war es, ein Mannschaftsgefühl wie in einem Clubteam zu erreichen. Zudem wollten wir verstärkt Vorbereitungsturniere mit K.O.-Runden spielen, um diese Drucksituation zu üben. Wir haben versucht, beide Ziele mit dem Projekt „Inside Rakete" und der Teilnahme an Paganello (2x), WCU und der GB Tour (2x) umzusetzen. Wir haben in den letzten zwei Jahren wertvolle Erfahrungen auf diesen Turnieren gesammelt. Mein Eindruck ist, dass jeder Spieler sehr gerne mit dem Open-Nationalteam spielt und dort – neuerdings – die besten Leistungen, auch unter Druck, abrufen kann. Das hat sicherlich zu unserem Erfolg in Maribor beigetragen. Wir haben aber auch versucht, neue Impulse für das „tägliche" Training in den Clubmannschaften zu bekommen. Ein Highlight war dabei bestimmt das gemeinsame Trainingswochenende in London mit der Fitnesstrainerin von „Clapham" und Trainingsspielen gegen „Clapham" und „Fire of London".
DFV: Höhepunkte im EM-Turnier waren sicher die Siege gegen Schweden in der Vorrunde, aber auch beide gewonnenen Spiele in der Zwischenrunde gegen Italien und die Schweiz sowie das Bronze-Match wieder gegen die Schweiz. Hat sich hier eine stärkere "Siegermentalität" bemerkbar gemacht?
Stefan: Das kann man so sehen. Die Italiener sind spielerisch nicht so stark. Allerdings ist ihr Spiel extrem körperbetont und in vielen Situationen nicht wirklich regelkonform. Das gilt zwar nicht für alle Spieler, ist aber doch sehr auffällig. Da haben wir uns gut behauptet. Die Schweden haben uns mit einer sehr harten Defence überrascht. Wir hatten zwar vorher darüber gesprochen. An die Intensität im Schwedenspiel mussten wir uns doch erst gewöhnen. Etwas Vergleichbares haben wir auf keinem Vorbereitungsturnier erlebt. Nach der 10:6 Führung der Schweden haben sie uns dann wohl unterschätzt und wir haben weiter an unserem Sieg geglaubt. In das Spiel gegen die Schweiz im Power-Pool sind wir sehr gut gestartet. Wir hatten in der Vorbereitung zwei Mal gegen die Schweizer verloren. Danach haben wir einige Dinge umgestellt und uns auf besser auf die Schweizer eingestellt. Am Ende wurde es dann noch mal eng, aber wir haben uns letztendlich doch behauptet. Auch da hat das Team Nervenstärke gezeigt.
DFV: Stimmst Du mir zu, dass die Integration zahlreicher ehemaliger Junioren-Spieler, die 2007 in Southampton EM-Gold gewannen, mit entscheidend für das Selbstbewusstsein und die Siege war (vgl. http://www.frisbeesportverband.de/news/823.html, 4. Absatz)?
Stefan: Das hat sicherlich eine Rolle gespielt. Ich möchte an dieser Stelle besonders die Leistung und den Einsatz von Mark Kendall und Claas Michaelis hervorheben. Mark hat – zusammen mit Robin Müller – quasi das Junioren-Ultimate in Deutschland, wie wir es heute kennen, begründet. Claas hat einen guten Einfluss auf die charakterliche Entwicklung unserer Talente gehabt. Ich habe noch nie so junge Spieler erlebt, die so genau verstanden haben, was für den Teamsport wichtig ist. Insgesamt hat der DFV mit seinem tollen Juniorentrainerstab einen großen Anteil an dem Erfolg des Open-Nationalteams.
Man darf aber auch nicht vergessen, dass wir einige Spieler dabei hatten, die vorher nicht Juniors gespielt haben. Jeder dieser Spieler hat in der Zeit mit „Inside Rakete" weiter an sich gearbeitet und eine tolle Entwicklung genommen. Wichtig war zudem, dass wir immer mit einem sehr großen Kader operieren konnten. Auch die Spieler, die es letztendlich nicht in den Kader geschafft haben, haben mit ihrem Einsatz auf den Trainingslagern und den Vorbereitungsturnieren geholfen, dass sich das Open-Nationalteam so entwickeln konnte.
DFV: In da Halbfinale gegen GB wart Ihr mit 3 Punkten in Folge ideal gestartet, irgendwo in der Mitte des Spiels kippte es aber, das Callahan-Goal zum 9:12 brach Euch dann das Genick. War das eine psychologische Sache, die schlechtere Tagesform oder was hat nicht so gut geklappt (vgl. http://scores.wucc2010.com/?view=gameplay&Game=2055), wo im Blockstapel-TV zuvor noch so ausgiebig vom "Fokus" die Rede war...)?
Stefan: Wir hatten durch den guten Start tatsächlich eine Chance zum Sieg. Wir haben vor dem Spiel besprochen, dass wir uns von dem Psychodruck („Raubvogelgekreische") nicht beeindrucken lassen wollten. Wir wollten uns auf das konzentrieren, was wir beeinflussen können, uns auf unser Spiel konzentrieren („Fokus"). Das ist uns auch ganz gut gelungen. Im Nachhinein muss man aber anerkennen, dass die Briten uns körperlich überlegen waren. Das war wirklich beeindruckend. Sie haben uns vor allem die tiefe Gefahr genommen. Hinzu kommt, dass die Briten mit Robert Schumacher einen ehemaligen deutschen U 23-Spieler haben, der unsere Spieler sehr gut kennt. Die Briten haben jedenfalls unsere Spieler besser als die anderen Nationalteams auf der EM verteidigt.
Die Schweden haben im Finale gezeigt, wie man die Briten schlagen kann. Sie hatten auf der EM die stärkste Handler-Line in der Defence. Das war aus meiner Sicht ausschlaggebend. Da haben uns sicherlich Spieler wie Phillis Timmermann, Richard Raz und Florian Böhler gefehlt.
DFV: Zu Eurer Ehrenrettung muss man sagen, dass das Bronze-Spiel anfangs zwar etwas zerfahren war, aber letztlich doch souverän gewonnen wurde. Was machte den Unterschied gegenüber den starken Schweizern, vor allem die mannschaftliche Geschlossenheit?
Stefan: Wir haben anfangs tatsächlich viele Fehler gemacht. Das war nicht typisch für unser Spiel auf der EM. Der Grund war wohl, dass nach dem Halbfinale gegen GB die Spannung abgefallen war. Die Enttäuschung nach dem Ausscheiden war doch sehr groß. Allerdings hatten die Schweizer offensichtlich auch an ihrer Universe-Point-Niederlage gegen Schweden zu knabbern. Nichtsdestotrotz stellten sie eine starke Mannschaft mit vielen Spielern aus Bern (1. bei der EUCF 2010) und Basel (3. bei der EUCF 2010). Es ist uns dennoch mit dem Defence-Block gelungen, wie im ersten Spiel einen Punktevorsprung herauszuspielen. In der Halbzeitpause haben wir uns dann entschlossen, die Offence zu stärken und den Vorsprung zu verwalten. Wir wollten kein Risiko eingehen und nicht unsere Handler in der Defence spielen lassen, um so eventuell den Vorsprung auszubauen. Es war wichtig, dass die ganze Mannschaft hinter dieser Entscheidung stand.
DFV: Wo siehst Du das Team jetzt nach dieser Zwischenetappe auf dem Weg zur WM 2012, die wie soeben bekannt wurde, vom 7.-14. Juli 2012 in Sakai, Japan stattfinden wird?
Stefan: Die Tatsache, dass die WM in Japan stattfinden wird, ist nicht optimal für uns. Das wird bestimmt ein sehr teures Turnier. Für uns wird entscheidend sein, dass wir die finanziellen Mittel zusammen bekommen, um ein schlagkräftiges Team zu stellen.
DFV: Wie sieht der ungefähre weitere Fahrplan aus in der Vorbereitung zu diesem Mega-Event (das auch über die Zulassung zu den World Games 2013 in Kali, Kolumbien entscheidet)?
Stefan: Wir haben für Oktober (vermutlich am 8. und 9. Oktober 2011) ein offenes Try Out geplant. Es wäre wünschenswert, wenn es uns gelingen würde, weitere Ex-Juniors im Team zu integrieren. Die Mannschaft soll dann möglichst schnell nominiert werden. Danach gilt es – wie erläutert – die finanzielle Belastung für die einzelnen Spieler zu mildern. Ob das klappen wird, ist leider unsicher. In der Vorbereitung werden wir versuchen, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Es steht die erneute Teilnahme an der GB Tour im Raum. Wir haben uns zudem schon mit dem Schweden zu einem Testspiel verabredet. Für Turniere in den USA ist leider erstmal kein Geld da. Das haben wir uns aber für die Zukunft vorgenommen. Stattdessen wollen wir zunächst versuchen, gute US-Spieler für die Durchführung von „Clinics" in Deutschland zu gewinnen und so von den Besten zu lernen. Jens Achenbach hat ja z.B. gute Kontakte, die wir gerne nutzen würden.
DFV: Was steht für Dich in diesem Jahr sportlich weiter an? Spielst Du noch ein paar Turniere, wirst Du auch bei der Beach Ultimate-WM in Lignano Sabbadoro, Italien, sein?
Stefan: Ich werde vermutlich nicht mehr selber spielen und auch nicht zur Beach-WM fahren. Das Team dort wird von Tommy Zormaier und Hans Tiro angeführt. Für mich war der zeitliche Aufwand bisher schon sehr groß und ich habe im richtigen Leben einen Beruf, der mich sehr fordert. Ich werde allerdings versuchen, nach Sarasota zu den US-Meisterschaften zu fahren, um dort die besten US-Teams zu beobachten.