Interview mit Kolja Sulimma von der Ultimate-Abteilung der Eintracht Frankfurt, der dem DFV seit Jahren beratend zur Seite steht
Geschrieben von: Jörg Benner Dienstag, den 06. Dezember 2011 um 11:43 Uhr
DFV: Kolja Sulimma, Du bekleidest zwar kein offizielles Amt im Vorstand des DFV, hast Dich aber in der neu gegründeten Ultimate-Abteilung ins Komitee zur Erstellung einer Geschäftsordnung eingetragen. Wozu dient eine GO?
Kolja: Beim Verband ist durch die Satzung und den Vereinsregistereintrag klar geregelt, wer wofür zuständig ist, wie Entscheidungen getroffen werden, und wer einen Vertrag im Namen des Verbandes schließen darf.
Bei einer Abteilung muss man genau die gleichen Dinge regeln, allerdings mit der zusätzlichen Schwierigkeit, dass als Teil des Verbandes gleichzeitig die Satzung des Verbandes und die GO der Abteilung gelten.
Dabei muss besonders darauf geachtet werden, dass Dritte - also z.B. Mitgliedvereine oder Sponsoren - feststellen können, was die Vorraussetzungen sind, damit Vereinbarungen mit der Ultimate-Abteilung gültig sind.
Außerdem muss das Verhältnis Abteilungsvorstand zu Gesamtvorstand und Abteilungsversammlung zur DFV-Mitgliederversammlung geklärt werden. All das kann natürlich die Abteilung nicht alleine beschließen, sondern Bedarf
der Zustimmung des Verbandes.
DFV: In den vergangenen Jahren hast Du Dich des Öfteren und stets fachlich fundiert zu rechtlichen und Verwaltungsfragen des DFV zu Wort gemeldet. Woher rühren die Kenntnisse der Materie?
Kolja: Ich bin da Autodidakt und geschult durch meine sonstigen Aktivitäten. Ich leite ein kleines Hightech-Unternehmen und habe privat einen – leider – langjährigen aber erfolgreichen Zivilprozess gegen meinen Wärmeversorger geführt. Außerdem bin ich seit 1993 in einem Vereinsvorstand und bin Schöffe am Landgericht.
DFV: Derzeit arbeitest Du an einer Wiki-Plattform, die innerhalb der Ultimate-Abteilung getestet werden soll, um sie dann auch den Ultimate-Nationalteams zur Verfügung zustellen. Welche Vorteile bietet ein Wiki?
Kolja: Per E-Mail oder in einem Forum kann man gut diskutieren, es entsteht aber kein Ergebnis. Bei einem Wiki können während der Diskussion alle gemeinsam an einem Entwurf feilen. Außerdem kann man da gut Informationen sammeln wie z.B. Trainingspläne, Kaderlisten, Informationen zur Unterkunft auf dem Turnier, Fahrgemeinschaften, Trikotbestellungen, Abrechnungen, Spielberichte und so weiter. Die Plattform steht und ich habe neben der Ultimate-Abteilung auch das Masters-Nationalteam eingeladen, dort zu arbeiten. Wenn dabei keine größeren Probleme auftreten, soll eine Einladung zur allgemeinen Benutzung verteilt werden.
DFV: Wo siehst Du aus Deiner fachlichen Perspektive den DFV derzeit stehen, wenn es um Fragen des Organisationsgrades geht?
Kolja: Ich sehe vor allem, dass da in den letzten Jahren riesige Fortschritte gemacht wurden. Vor kurzem gab es nur einen winzigen Vorstand der fast alles alleine gemacht hat. Jetzt sehe ich ein professionell auftretende Golfabteilung, und die aktive Freestyle-Abteilung. Es gibt gut organisiertes Junioren-Ultimate, das im Verband vertreten ist und im Ultimate hat die Zahl der Helfer auf so weit zugenommen, dass es sinnvoll geworden ist, eine Abteilung zu gründen.
Insgesamt habe ich den Eindruck, dass es viel leichter geworden ist, im Verband mitzuarbeiten, wenn man sich dafür interessiert. Um das weiter zu verstärken, sollte in Zukunft noch mehr Wert auf Transparenz gelegt werden. In einem bundesweiten Verband kann Information nicht gut über persönliche Kontakt fließen. Auch wer nicht zum engen Kreis gehört, sollte sehen können, was im Verband geplant ist und welche Arbeiten gemacht werden und was die aktuelle Beschlusslage ist. Nur so können die Leute einen Punkt entdecken, bei dem sie sagen: "Wow, da will ich dabei sein." oder auch "Hey, das kann ich aber besser."
DFV: Gleichzeitig geistert - nicht nur - innerhalb der Ultimate-Abteilung die Frage nach bezahlter Mitarbeit herum. Wie stehst Du zu dieser Frage, in Hinblick auf die augenblickliche und die zu erwartende Lage des DFV innerhalb der deutschen Sportlandschaft?
Kolja: Ich bin ein großer Befürworter davon, dass dort wo es nötig ist, auch Hilfe eingekauft wird. Dabei ist es wichtig, dass keine unfaire Hierarchie entsteht, zwischen Ehrenamtlern die bezahlt werden, und solchen die nicht bezahlt werden.
Aber es ist ineffizient, wenn Leute aus dem Vorstand, die das fachliche und sportliche Know-How haben, ihre Zeit z.B. mit dem Eintüten von Rundbriefen oder ähnlichem verschwenden. Solche Tätigkeiten kann man gut einkaufen, es ist aber auch denkbar, hierfür aktiv ehrenamtliche Helfer z.B. über die Wurfpost anzuwerben. Ich kann mir gut vorstellen, dass es Leute gibt, die keine Lust haben, 12 Monate lang ein Amt zu übernehmen, aber gerne mal 5 Stunden in den DFV stecken.
Bei größeren Aufgaben ist es aber fairer, wenn 2000 Mitglieder 1€ mehr im Jahr zahlen, um damit Personal zu bezahlen, als wenn nur 5 Mitglieder je 40h Arbeit spenden. Außerdem sollte überall dort Arbeit zugekauft werden, wo intern das Know-How fehlt. Man muss z.B. nicht vom Vorstand verlangen, ein Layout-Programm zu erlernen, bloß um einmal im Jahr ein Jahrbuch zu erstellen. Aber auch dabei kann erstmal Know-How der Mitglieder abgefragt werden.
DFV: Welche Schritte sind aus Deiner Sicht - innerhalb der auf der Jahreshaupotversammlung behandelten, aber auch neben diesen - die wichtigsten für den DFV in den kommenden Jahren?
Kolja: Mehr Arbeitsteilung. Die JHV beispielsweise war zu lang und wurde deshalb gegen Ende ineffizient. Bundesweit ist es aber auch problematisch, sich häufiger zu treffen. Die Ultimate-Abteilung hat das Potential da zu helfen. Vielleicht auch das Wiki.
Ultimate muss aufpassen, dass sich die Interessen des Breitensports und des Leistungssports nicht gegenseitig in die Quere kommen. Eine DOSB-Mitgliedschaft wäre in vielerlei Hinsicht hilfreich. Curling zeigt, dass die Regeln des DOSB nicht in Stein gemeißelt sind und Ausnahmen möglich sind.
DFV: Die gewagte Frage nach einer Prognose: Wo siehst Du den Frisbeesport in Deutschland in fünf oder zehn Jahren stehen?
Kolja: Ich hoffe vor allem, dass an mehr Orten eine stabile Jugendarbeit entsteht. Ich wünsche mir genug Ultimate-Teams, dass es mehr regionale Ligen gibt und nicht mehr fast alles bundesweit ausgetragen werden muss. Es bewegt sich was in diese Richtung, wie schnell das voran geht ist schwer zu sagen.
DFV: In Frankfurt am Main warst Du lange Zeit bei der Eintracht stellvertretender Vorsitzender der Abteilung Rugby und Ultimate. Welche Vor- und Nachteile bringt die Mitgliedschaft in so einem Großverein?
Kolja: Der Nachteil ist, dass vieles formaler und komplizierter ist als in einem kleinen Frisbeeverein. Wir müssen schon vereinsintern Überzeugungsarbeit leisten und können nicht einfach alles selbst entscheiden, noch nicht einmal über die Höhe der Beiträge. Die Fußballer stellen mit Abstand die meisten Mitglieder und bringen über Lizenzzahlungen der Fußball-AG auch das Geld rein, da werden die kleine Abteilungen leicht mal übersehen.
Umgekehrt reicht es aber auch, sich intern durchzusetzen. Der Verein ist sehr mächtig in Frankfurt und verfügt über viele Ressourcen. Wir haben z.B. für die Club-EM in London Ausrüstung und Reisekosten im Wert von fast 9000 € bekommen. Das ist vermutlich mehr als das Budget des DFV für alle Nationalteams zusammen.
DFV: Wie zufrieden bist Du mit der sportlichen Entwicklung innerhalb der Mainmetropole?
Kolja: Seit vielen, vielen Jahren wachsen unsere Mitgliederzahlen langsam aber stetig und die DM-Platzierungen in allen Divisionen zeigen nach oben. Seit diesem Jahr haben wir auch endgültig sehr gute Trainingsbedingungen Indoor und Outdoor. Was fehlt ist Jugendarbeit. Dafür sind unsere Trainingsplätze zu sehr über die Stadt verteilt. Aber es hat sich gerade eine Frankfurter Schulmannschaft bei uns gemeldet. Vielleicht kommt da ja jetzt was in Gang. Ich würde mich freuen, wenn es Aschaffenburg und Linsengericht gelänge, sich als weitere Teams in der Region zu etablieren.