Interview mit Andrea „Oddi“ Furlan, seit Juli 2011 Vorstand der neu gegründeten EUF, seit 1996 Spieler bei „Thebigez“ Wien und bei der Beach Ultimate-WM 2011 Silbermedaillengewinner mit Österreich in der Masters-Division

Oddi-FurlanDFV: Oddi, als Vorstand der European Ultimate Federatzion (EUF) hast Du eine Zusammenfassung des europäischen Ultimate-Jahres 2011 an die Mitgliedsverbände geschickt. Wie ist Dein genereller Eindruck der Ultimate-Entwicklung in Europa?

Oddi: Ultimate in Europa ist in den letzten 5 Jahren bezogen auf Spielerzahlen und Niveau deutlich gewachsen. Der kleine Beitrag, den die EUF geleistet hat, ist den Topteams die Möglichkeit zu geben, Jahr für Jahr kostengünstig auf hohem Niveau gegeneinander spielen zu können und so ihr Level zu verbessern. Gleichzeitig haben die Middle-Level Teams ein klares Ziel vor Augen und können in kürzeren Zyklen Feedback bekommen, auf welchem Niveau sie gerade stehen. Das ist, was die European Ultimate Championship Series (EUCS) ermöglicht.

Die WUCC 2012 in Prag hat uns aber gezeigt, dass auch unsere beste Teams kaum gegen die Amerikaner, Japaner und Australier mithalten können. Das heißt für mich, dass wir mehr Topteams brauchen die nicht nur im Finale wirklich gefordert sind, sondern auch in den Regionen und innerhalb den Nationen. Das kann nur passieren, wenn die Entwicklungsprogramme in den einzelnen Verbänden gut funktionieren.

DFV: Um die Unterscheidung zu treffen, die die meisten Spieler gar nicht kennen: Weclhe verschiedenen europäischen Flugscheiben-verbände gibt es eigentlich und was sind ihre Aufgaben?

Oddi: Es existieren vier Disc Sport-Verbände in Europa:

- European Disc Golf Players' Association, die sich um die Organisation und Entwicklung von Disc Sport in Europa kümmert.

- European Freestyle Association, die die Europäische Freestyle-Szene koordiniert.

- Beach Ultimate Lovers' Association (BULA) Europe - die ihren Fokus auf Beach Ultimate richtet. Sie ist für die Austragung von den European Championships of Beach Ultimate 2013 zuständig. Wir stehen in engen Kontakt mit ihnen, um einen ausgeglichenen Eventkalender zu haben.

- European Ultimate Federation (EUF), hat ihren Zweck in der Organisation, Koordination und Entwicklung vom Ultimate in Europa.

DFV: Früher gab es als Dachorganisation die EFDF als Pendant zur WFDF. Was war der Grund, warum sich die EUF gebildet hat und was ist ihr derzeitiger rechtlicher Status?

Oddi: Ich habe absichtlich die EFDF nicht in der Liste der Europäischen Verbände aufgezählt. EUF hat EFDF nicht komplett ersetzt, da sie noch als Schirmorganisation mit den Säulen „Ultimate", „Disc Golf" und „Freestyle" gesehen werden kann. Nach einer Empfehlung von Juha aus Finnland, dem damaligen WFDF-Präsidenten, haben wir auch im neuen Namen den Hauptzweck unserer Organisation verankert: European Ultimate Federation.

EUF ist noch nicht eine juristische Person. Es wurde lange diskutiert, ob EUF ein Subkomitee des WFDF sein und somit den rechtlichen Status von WFDF genießen könnte, oder als unabhängiger Europäischer Verband mit dem damit verbundenen Mehraufwand einer Gründung. Momentan evaluiere ich den Aufwand einen Europäischen Verband in Österreich zu gründen, wo der Österreichische Frisbee Sport Verband schon vom Bundes Sport Ministerium anerkannt ist und viel Know-How im Vereinsgesetz hat. Übrigens war ich bis 2010 im Vorstand vom Österreichischen Frisbee Sport Verband und habe beim Prozess für die Anerkennung von Disc Sport beim Bund aktiv mitgewirkt.

DFV: Dann der Rückblick auf Maribor: Wie würdest Du das sportliche und das organisatorische Niveau beschreiben (vor allem, wenn ich an die online TV-Berichterstattung denke, die ich von zu Hause aus genießen konnte)?

Oddi: Als wir uns entschieden haben die EUC in Maribor zu veranstalten, wollten wir wirklich in die Breite gehen und ein Turnier haben, das für alle leistbar war und wo die Sportinfrastruktur für eine Veranstaltung auf Topniveau geeignet war. Ähnlich wie in Prag 2010 wollten wir eine gute Media Coverage mit Live-Streaming und Live-Scoring erreichen.  Das ist uns meiner Meinung nach gut gelungen.

Es war uns auch klar, dass die Organisation sehr jung war und dass die Kooperation mit der Stadt Maribor neu war, deswegen haben wir das EUCR-East 2011 in der gleichen Anlage gespielt und die Teams dem Veranstalter Feedback geben lassen. Während des Turniers ist natürlich nicht immer alles rund gelaufen, aber die Veranstalter haben ihr Bestes gegeben und was am Schluss in Erinnerung bleibt, ist ein sehr schönes Turnier mit vielen Leuten und guten Spielen.

DFV: Welche Hauptbotschaft hat die Junioren Ultimate-EM in Wrozlaw bei Dir hinterlassen? Bist Du vor allem zufrieden über die sichtbare Entwicklung oder eher besorgt, wie wir diese Entwicklung in allen Ländern noch deutlich verstärken sollten?

Oddi: Wenn man nur auf die Zahlen schaut, sieht man, dass seit 2008 die EYUCs in der Teamanzahl konstant geblieben sind. Diese Zahlen sagen uns aber auch, dass die Anzahl an Spieler immer weiter gestiegen ist, d.h. es kommen mehr Spieler aus den gleichen Nationen. Das ist auf der einen Seite gut, auf der anderen ein Warnsignal, dass bestimmte Nationen immer mehr den Anschluss an der Spitze verlieren werden.

In Wrozlaw war ich persönlich von der Professionalität der Engländer beeindruckt, die mit einem großen Trainerstab und Spielerkader angereist sind. Ich glaube viele haben bemerkt, dass man mehr Ressourcen in der Betreuung und die Ausbildung investieren muss, um auch den richtigen Spirit den Jugendlichen einzuprägen.

DFV: Wie Du schriebst, wurde das neue EUCS weitgehend akzeptiert und ermöglichte Spiele auf hohem Niveau, die die Bezeichnung einer „Champions League" rechtfertigen. Welche Ergebnisse überraschten dich am meisten?

Oddi: Die EUCF 2011 hat wenige Überraschungen gebracht, da die Topteams fast immer die gleichen geblieben sind. Trotzdem ist die Dichte darunter sehr groß und die Unterschiede zwischen Platz 9 und 20+ sind marginal, was uns bestätigt, dass die Ausbreitung der EUCF auf 24 Open Teams Sinn macht. In der Damen-Division gab es auch kaum Überraschungen. Es war aber schön zu sehen, dass bei den EUCRs allgemein mehr Teams teilgenommen haben, was uns hoffen lässt, dass in ein paar Jahren auch die Niveau-Unterschiede zwischen den Topteams und dem Rest deutlich kleiner werden.

DFV: In welchen Ländern beobachtest Du spürbare Entwicklungen, welche Clubteams beeindrucken Dich besonders?

Oddi: Das Team, das mir am besten gefallen hat, waren die Bad Skids. Es macht echt Spaß, sie anzuschauen und ich war beeindruckt von ihrer spielerischen, aber besonders von ihrer emotionalen Reife. Ich bin überzeugt dass es nicht lang dauern wird, dass sie die Flying Angels von ihrem Thron stoßen ;-)

DFV: Du sprachst über „Spirit Awareness": Viele Spieler nehmen das SOTG-Gebot im Ultimate-Regelwerk für selbstverständlich. Oder um es anders zu sagen: Manche kümmern sich nicht überhaupt nicht darum. Welche Programme für ein strökeres Spirit.-Bewusstsein kennst Du?

Oddi: Spirit muss beigebracht werden und zwar auf jedem Niveau und in jedem Training.
Es fängt bei der Wahl des Trainers oder des Captains an. Es genügt nicht ein Topspieler zu sein und eventuell auch die Regeln gut zu kennen, um solche Rollen übernehmen zu dürfen. Man muss einen großen inneren Ausgleich besitzen, um Emotionen aus dem Spiel zu lassen, auch wenn es „heiß" ist - um das Richtige zu tun und innerhalb des Teams und mit den anderen Mannschaften zu vermitteln.

"Train the captain and you reach the team". Wenn der Captain sich selbst nicht in Griff hat, wie kann er es mit dem Team machen? Regelkunde und Sozialkompetenz müssen die Hauptkompetenzen von einem Captain sein. Nach wiederholten Spirit-Problemen gibt es Nationen, die solche Trainings auf Verbandsebene institutionalisiert haben. EUF kooperiert mit dem WFDF-Spirit Komitee, um solche Programme allgemein verfügbar zu machen und auch eine gute Feedback-Kultur zwischen den Teams bei den sanktionierten Veranstaltungen zu etablieren.

DFV: Ein Ausblick auf 2012: Das EUCF ist vom 28. bis 30. September in Frankfurt geplant. Glaubst Du, die Veranstaltung kann an das Finalturnier 2011 in Brügge heranreichen?

Oddi: Der große Vorteil von Brügge war, dass die Veranstalter so ein Turnier in der Größe seit 20 Jahren organisieren. Somit waren die Aufgaben klar definiert und die Verantwortungen gut verteilt. Das schöne Wetter macht alles viel einfacher, aber Glenn, der Organisator, hat nie gestresst gewirkt und hat prinzipiell nichts mehr an den Turniertagen machen müssen, da der Staff in Vorfeld gut eingeschult wurde.

Robert Pesch und Heiko Karpowski haben sicherlich die Fähigkeiten und die Infrastruktur ein wunderbares Turnier in Frankfurt durchzuführen. EUF wird sie aktiv unterstützen und ich hoffe auch, dass der DFV für dieses Event Aktionen einsetzen wird, die nachhaltige Wirkungen haben werden.

DFV: Was wäre ein Haupttipp, den Du potenziellen Bietern für ein solches Turnier mitgeben würdest?

Oddi: "Plan a tournament as you would like it to be if you were a player."