Interview mit Valeksa Schacht, Koordinatorin der deutschen Ultimate Juniorinnen-Nationalteams und der neu formierten Ultimate Damen Masters-Nationalmannschaft

DFV: Valeska, du hast als Koordinatorin der Ultimate Juniorinnen-Nationalteams nun eine zusätzliche Funktion als Koordinatorin der ersten deutschen Womens' Masters-Nationalmannschaft übernommen. Wie kam es dazu?

Valeska: Ich habe vor 2-3 Jahren mal den Gedanken gehabt, dass es doch eigentlich cool wäre, eine Damen Masters Mannschaft auf die Beine zu stellen. In Deutschland gibt es so viele großartige Frauen, die schon lange spielen und in die Altersklasse fallen würden (damals dachte ich allerdings nicht, dass die Altersgrenze so niedrig ist!). Bisher gab es aber keinerlei Teams, Divisions oder ähnliches. Und dann kam dieses Jahr auf einmal diese Mail vom WFDF bzgl. einer Damen Masters Mannschaft und einer möglichen Division bei der WUGC.  Das hat den Funken bei mir einfach enorm entfacht und ich wollte das unbedingt auf die Beine stellen. (Ich hatte mir dann gedacht: Was, wenn sich so viele total gute Frauen melden, die so viel besser sind als ich? Dann mach ich halt die Orga und fahre mit und schau mir das Ganze an...)

DFV: Wie sicher ist mittlerweile, dass es bei der Ultimate-WM vom 07. bis 14. Juli im japanischen Sakai ein deutsches Womens Masters-Team geben wird - und wie wird es besetzt sein?

Valeska: Der WFDF hat letzte Woche bekannt gegeben, dass die Division ausgespielt wird - nachdem nacheinander wir und GB zugesagt haben (Teams Nr. fünf und sechs, die nötig waren um die Division an den Start gehen zu lassen). Und es wird also ein deutsches Team geben! Momentan ist das Team aus soliden, erfahrenen und hoch motivierten Spielerinnen zusammengestellt. Wir haben die ganze Bandbreite von sehr sicheren Handlerinnen, laufstarken Middles und Wadenbeissern im Team. Ich denke unsere größte Stärke wird die Scheibensicherheit und Spielcoolness sein. Ich hatte eigentlich erwartet, dass sich deutlich mehr Frauen dafür begeistern, gerade im Hinblick auf die Altersgrenze von 30 Jahren (Jahrgang 1982), die einen Großteil der deutschen Spielerinnen einschliesst. Leistungstechnisch gibt es mit Sicherheit einige viel bessere Spielerinnen (viele in dieser Altersklasse spielen ja auch noch Damen Nationalmannschaft!), aber sehr viel von dem, was ein Team stark macht, spielt sich im Kopf und im Herzen ab. D.h. ich habe lieber ein Team voller hochmotiverter und engagierter Spielerinnen um mich herum, die vielleicht nicht die stärksten sind, als leistungsstarke Top Athleten die arrogant und selbstverliebt sind. Das gilt auch für die Juniorinnen.

DFV: Welche Vorbereitung absolviert ihr in Hinlick auf die WM im Juli?

Valeska: Wir haben relativ viel geplant und ich bin positiv überrascht, mit welchem Engagement & Motivation die Frauen, die dabei sein wollen an die Sache rangehen. 9 von den bisher 14 nehmen an den Sockeye Trainingscamps in Italien und Moskau teil, davor wollen wir ein Trainingslager im März durchführen und dann noch 2 und vielleicht sogar 3 Turniere spielen. Für ein so kurzfristig auf die Füße gestelltes Team und eine relativ kurze Zeitspanne ist das enorm viel.

DFV: Was entgegnest Du möglichen Einwänden, das Team sei mangels einer höheren Leistungsdichte in Deutschland nur zweitklassig und würde einem internationalen Vergleich nicht standhalten?

Valeska: Leider habe ich diese Einwände jetzt schon gehört und finde es schade, dass in der Ultimate Gemeinschaft so etwas von vorneherein schlecht geredet wird. Was wir als Team brauchen, sind Rückendeckung und Unterstützung. Irgendwann muss man manche Dinge einfach ins Laufen bringen. Erfolg findet auf einer Treppe statt und ist kein Mc Donalds-Drive In. Als wir die Juniorinnen-Arbeit vor vier oder sogar fünf Jahren angefangen haben, war das ganz ähnlich. Wir hatten relativ wenige Spielerinnen im Kader und haben ganz unten angefangen. Und dann letztes Jahr zweimal Silber bei der Europameisterschaft in Polen! Dieses Gefühl, so etwas erreicht zu haben, nach so langer und harter Aufbauarbeit war einfach phänomenal. Und die Wertschätzung der Spielerinnen für Ihre geleistete Arbeit und für sich selbst als Spielercharakter ist unglaublich gestiegen.

Wenn man ständig darauf wartet, dass es einen viel besseren Moment geben wird, dass es noch nicht gut genug ist, oder dass der Zeitpunkt der Falsche ist, wird man irgendwann nur dastehen und sich wundern, an welchem Punkt man den Zug verpasst hat. Dinge im Leben passieren, weil irgendjemand sie einfach macht! Hier eins meiner kleinen Lieblingszitate dazu: "Alle haben immer gesagt, es geht nicht, und dann kam einer, der hat das nicht gewusst - und hat es einfach gemacht!" Und ganz ehrlich, wenn man nichts Konstruktives beizutragen hat, sollte man besser den Mund halten.

DFV: Mit welchen Absichten fahrt Ihr also als historisches erstes Damen Masters-Nationalteam zur WM?

Valeska: Dabei zu sein, und etwas großartig Neues aufzubauen.

DFV: Gleichzeitig verfolgst Du aber auch nach wie vor die Geschicke der deutschen Ultimate-Juniorinnen. Wie sieht hier die Vorbereitung auf die Junioren-WM (inkl. U17-EM) Mitte Juli in Irland aus?

Valeska: Wir machen dieses Jahr wieder zwei offene Sichtungstrainingslager, eins im Süden und eins im Norden. Danach spielen wir zwei Turniere - die Disc Days in Köln, hier findet die letzte Teamauswahl statt, und das Rising High in Delft. Ein paar Wochen vor der WM machen wir ein 3-tägiges Trainingslager um uns auf die WM vorzubereiten.

DFV: Was erwartest Du, wie wettbewerbsfähig werden die beiden deutschen Juniorinnen-Teams im Weltvergleich (rsp. im europäischen Vergleich) sein?

Valeska: Im Europäischen Vergleich sehe ich die U20 dieses Jahr ganz oben und denke dass das Team eine große Chance hat, sich bei der WM unter die ersten fünf zu platzieren. Die U17 macht dieses Jahr einen sehr starken Kaderwechsel durch und wird mit vielen jungen Spielerinnen aufgestellt sein.

DFV: Wirst Du beide Trips durch die Weltgeschichte mitmachen können? Andernfalls, wer steht zur Betreuung der Juniorinnen in Irland noch bereit?

Valeska: Ich habe beide WM's schon eingeplant und bin bei beiden auch dabei. Bei den Juniorinnen übernimmt Marco Müller wieder die Headcoach-Funktion, während ich primär die Koordination & Orga mache. Bei der U17 hat es sich dieses Jahr ein bisschen verändert, indem Ulla Paßen die Koordination & Orga übernimmt und Martin Schnitter der Headcoach sein wird.

DFV: Zunächst werden nun zwei Nationalteams - die Masters-Damen als auch die Junior Girls (U 20) - am 09. und 10. Juni bei den Disc Days Cologne antreten. Das Teilnehmerfeld wird fast alle deutschen Top-Damenteams umfassen. Was rechnest Du dir dabei für die Nationalteams aus?

Valeska: Für beide Teams wird das ein Turnier sein, auf dem die Spielerinnen sich auf dem Feld kennenlernen und ihr Spiel taktisch einstellen müssen. Die Erwartung bei diesem Turnier ist eine ganz intrinsische Zielsetzung: Hier geht es nicht um Turnierplatzierung, sondern um team- und spieltechnische Dynamiken und taktische Grundsatzeinstellungen. Und auch sehr viel um das "mental game". Verlieren lernen ist hier ganz wichtig. Nur wer ein Spiel verlieren kann, ohne sich oder das Team aufzugeben und jeden Punkt so spielt, als wäre es der entscheidende, kann sein Spiel weiterentwickeln!

DFV: Abschließend zu diesem Komplex die unvermeidliche Frage nach dem vernuteten Abschneiden der Masters-Damen in Japan sowie der Juniorinnen in Irland?

Valeska: Ich denke die U20 Juniorinnen werden sich unter den ersten fünf Plätzen durchsetzen, die U17 unter den ersten zwei und die Damen Masters kann ich überhaupt nicht einschätzen. Teams wie USA und Kanada haben natürlich Anzahl- und Leistungstechnisch ganz andere Voraussetzungen - aber da ist die Damen Masters Division keine Ausnahme (!), aber Länder wie GB, Australien und vielleicht Finnland sitzen im selben Boot wie wir.

DFV: Last not least: In Hannover habt Ihr tolle Bedingungen, um ein Turnier durchzuführen. Leider hat es mit der Mixed-DM in diesem Jahr nun nicht geklappt. Wann werdet Ihr Euch evtl. für die Ausrichtung eines anderen Turniers bewerben?

Valeska: So etwas steht und fällt immer mit dem Kollektivwillen und dem Kollektivengagement so etwas auf die Beine zu stellen. Momentan ist unser Verein in einem Veränderungsprozess, der sehr viel Energie und Zeit in Anspruch nimmt. Der Wille ein großes Turnier auszurichten ist auf jeden Fall vorhanden, vielleicht braucht es aber noch ein bisschen Zeit, bis ein paar jüngere und sehr engagierte Spieler/innen hier die Zügel verstärkt mit in die Hand nehmen um so ein Projekt mit nach vorne zu treiben.