Der Vater der Vorhand

adamzÜbersetzung eines Beitrags aus skydmagazine.com, unter Bezug aus dem neu nun als E-Book erschienenen „Ultimate: The First Four Decades” von Adam Zagoria

Praktisch jeder Ultimate-Spieler verfügt heute über eine Vorhand und einen Überkopfwurf (Hammer). Aber so war das nicht immer. Als Ultimate in den späten 1960-er und frühen 70-er Jahren begann, benutzte niemand einen dieser Würfe. Rückhandwürfe und Würfe mit dem Handrücken nach oben (overhand wrist flip) waren an der Tagesordnung.

„Ich warf Rückhande, Rückhände, Rückhände,” sagte der 1,98 Meter große Dan “Stork” Roddick, der in den frühen 70-er Jahren mit der Rutgers-Dynastie spielte und später der Direktor der International Frisbee Association (IFA) wurde. “Ich habe für Rutgers keinen einzigen Pass gespielt, der nicht Rückhand gewesen wäre.” Wer also erfand die Vorhand? Und wie war das mit dem Hammer?

Victor Malafronte hatte bei beiden Würfen die Hand im Spiel. Ein eingebildeter früherer Munitionstechniker der Marine aus Brooklyn, der die Overall World Frisbee Championship der Männer im Rose Bowl 1974 gewann und später zusammen mit den Harlem Globetrotters tourte, ist der Vater der modernen Vorhand. Jim Pistrang von Tufts und Irv Kalb von Rutgers lernten sie von ihm und popularisierten sie an der Ostküste, während andere wie Reach Helmka dabei halfen sie im Osten zu verbreiten. Malafronte warf auch den Hammer besser als sonst jemand vor ihm, während Penn States Roger Shepard und Cornells Jim Herrick und Paul Brenner die Ehre derjenigen gebührt, die ihn beim Ultimate eingeführt haben.

Malafronte entwickelte die Vorhand weiter, nachdem er sie an der Sproul Plaza 1968 in Berkeley gelernt hatte, als er Kunststudent an der San Francisco State war. Er sah eine paar Jungs zu, unter anderem Dave Book und Chuck Pitt, die eine Art Standard-„Sidearm“ warfen und auch einen hinter dem Rücken geworfenen. Im Folgejahr 1969 warfen er und Stancil Johnson bei einem Guts-Wettbewerb beim International Frisbee Tournament (IFT) in Michigan Sidearm-Würfe gegeneinander. Johnson, Author des wegweisenden Buchs aus dem Jahr 1975: “Frisbee: A practitioner’s manual and definitive treatise”, hatte den Wurf beereits während der frühen 1960-er Jahre gelernt.

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Der Zwei Finger-Macho Sidewinder

In den frühen 1970-er Jahren nannte Malafronte seinen Wurf den “Zwei Finger-Macho Sidewinder” und brachte ihn anderen so bei. „Ich hatte den besten Sidearm drauf,” sagte er. „Niemand konnte es mit mir aufnehmen. Ich habe so vielen Leuten beigebracht, wie man den Sidearm wirft, weil es für sie viel einfacher war eine Rückhand zu werfen. Viele Leute nutzten nur ihren Zeigefinger. Ich sagte, ‘Du brauchst zwei Finger da drin, um deine Scheibe gut im Griff zu haben.’“

Er hatte, was als bester Sidearm jemals bezeichnet werden könnte“, ergänzte Roddick. “Es ist so seltsam, dass sich der erste Typ gleich als der beste herausstellte. Wie hoch sind die Chancen?” Bis dahin hatten Kalb und seine Freunde der Columbia High School ganz auf die Rückhand und die Würfe mit dem Handrücken nach oben vertraut. Kalb war so geübt mit diesem Handgelenkswurf, dass ihn Al Jolley von der Staples High School in Connecticut als den „Jersey-Wurf” umschrieb.

Kalb, der nach seinem Abschluss an der High School der Captain von Rutgers wurde, hörte zusammen mit seiner Gruppe nur durch die Anleitungsbroschüre der IFA von dem mysteriösen „Sidearm”-Wurf. Sie versuchten ihn, aber als er nach 25 Metern auf den Boden fiel, gaben sie es auf. Sie nahmen zudem an, er sei einfach abzublocken. „Wir hatten diese Sache in dem IFA-Handbuch beschrieben gesehen, aber wir dachten es sei ein Witz”, sagte Kalb. „Wir waren glücklich mit dem Handrücken-Wurf.”

Zu dieser Zeit begann Pistrang, der zusammen mit Ed Summers 1972 das Tufts-Team gründete, unabhängig davon mit dem Sidearm herum zu experimentieren. „Es erschien offensichtlich, dass der Wurf funktionieren müsste“, erinnerte sich Pistrang. „Es erschien auch klar, dass die Fähigkeit auf beiden Seiten des Körpers zu werfen für Ultimate vorteilhaft sein dürfte. Wir wussten theoretisch, dass er funktionieren sollte, hatten es aber noch nie gesehen und brachten es selbst nicht ganz hin.”

Schicksalhafte Begegnung beim IFT

An einem Sommer besuchten Kalb, Pistrang, Summers und Larry Schindel, der ebenfalls Ultimate an der Columbia High School gelernt hatte, das IFT, in der Hoffnung den Guts-Spielern das „Evangelium des Ultimate“ verlesen zu können. Dann sahen sie, wie Malafronte tatsächlich den „Macho Sidewinder“ mit großem Erfolg warf. Als Kalb sah, wie Malafronte eine 110-Gramm Pro Model-Scheibe 90 Meter oder weiter warf, dachte er, die Hand oder das Handgelenk des Mannes müssten irgendwie deformiert sein. Sie bezeichneten ihn daher scherzhaft als „Victor Malformed“.

„Wir waren einfach nur überwältigt“, erinnerte sich Kalb und Pistrang fügte hinzu: “Ich erinnere mich, den größten Eindruck auf mich hinterließ seine Armbewegung, das Schnappen, das er in den Wurf legte, und die Geschwindigkeit, mit der die Scheibe die Hand verließ. Victor Malafronte behandelte 108 Gramm puren Polyethelens wie kein anderer Mann in der Welt und ließ das ganz einfach aussehen!”

Malafronte spielte später wettbewerbsorientiert Ultimate in Nord-California, betrieb es aber nie ausschließlich. Motiviert durch seine Begenung mit Malafronte beim IFT, begann Pistrang seinen Sidearm zu perfektionieren, wobei er ihn hauptsächlich als einen Kurzpass oder Dump-Pass nutzte. Er wird weithin als der erste betrachtet, der die Vorhand an der Ultimate-Szene der Ostküste genutzt hat. „Pistrang war ein Ultimate-Spieler; er erkannte den Wert dazu in der Lage zu sein, von beiden Seiten zu werfen und er verstand es den neuen Wurf einzusetzen, an dem er arbeitete,” erinnerte sich der frühere Captain von Cornell Jon Cohn, bekannt als „JC“.

Nachdem Kalb, aka „Dr. I” begann die Vorhand zu nutzen, wurde der Wurf noch populärer. Cohn sagte: „Die Gründer von Columbia fingen nicht eher an, den Wurf umzusetzen, bevor nicht Irv ihn nutzte. So gut wie jeder aus diesen ersten College-Teams lernte von deren jeweiligen Gründern. Jeder strebte danach Irv nachzuahmen. Er war der weit und breit beste Spieler in den frühen 1970-er Jahren.” (siehe das Interview mit Irv Kalb im Film unten, ca. bei Minute 20).

Im Westen brachte Malafronte den Wurf Leuten wie Helmka bei, der ihn zu seinen San Jose Cling’ons Mitspielern weitertrug, und anderen innerhalb der Nord-Kalifornischen Ultimate Liga, eine 16 Teams umfassende Versammlung, die Teams von Kalifornien bis Oregon umfasste.

180 Globetrotter-Halbzeitshows in einem halben Jahr

Was den Hammer betrifft, konnten Malafronte und sein Partner John Kirkland erstmals Mitte der 1970-er Jahre, während einer 24-minütigen Halbzeitshow der Globetrotters, eine Menge begeistern. Das Duo führte seinen Auftritt innerhalb von sechs Monaten in 180 Städten auf, jede Nacht in einer anderen Stadt. Sie wurden sogar in einem Artikel der Sports Illustrated  1975 behandelt.

Mitte der 1970-er Jahre begann auch Roger Shepard von Penn State in Hallenturnieren mit Überkopfwürfen zu experimentieren. Shepard entwickelte auch die berühmte „Stanford Offense”. Es nahm jedoch mehrere Jahre in Anspruch, bis der Hammer im Ultimate regelmäßig genutzt wurde. Herrick von Cornell hält es für möglich, dass er ihn bereits bei den Weltmeisterschaften 1976 im Rose Bowl gesehen hat. Er brachte ihn dann Brenner in Cornells Barton Hall bei und gelegentlich Spielern der Boston Aerodisc und der Rude Boys. Als Brenner 1980 hauptsächlich Händler war, begann er damit den Wurf regelmäßig einzusetzen, um Zonen zu sprengen. Der Vorteil des Hammers liegt natürlich darin, dass der Werfer die Verteidigung überwinden kann, und zwar anstatt durch sie hindurch zu spielen mit einem Wurf, der unerwartet fast überall auf dem Feld landen kann.

„Ich war mir sicher, dass die Zukunft des Ultimates vertikale Würfe enthalten würde, weil sie den Umlauffaktor beseitigen, härter geworfen werden und dabei Zonen ausschalten können.“, sagte Herrick. „Das Problem zu dieser Zeit war nicht das Werfen. Es war das Fangen. Während Typen wie Brenner schnell verstanden, dass alles was du tun musstest, dich voll einzusetzen, zu üben und für einen vertikalen Sandwich-Catch dich aggressiv durchzusetzen, konnten das die meisten anderen nicht.”

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Ein Jahrzehnt später führten Ken Dobyns und Dennis „Cribber“ Warsen aus New York im Finale der Weltmeisterschaften 1993 in Madison, Wisconsin eine „Hammer-Schulung“ durch. Gegen San Franciscos Double Happiness schmissen die beiden in einem mit Fans gefülltem Stadion Hammer über das ganze Feld, dass einem der Mund offen stehen blieb, über die Defense hinweg, und erzielten dabei mehrere Punkte, bis New York den Titel gewann.

Chris Jones, der für das Williams College spielte, wird von einigen als derjenige erachtet, der den besten reinen Hammer jemals spielte. Jones, der später für New Yorks Graffiti und Cojones spielte, hat einen völlig eigenen Stil, bei dem sein Hammer vor dem Fänger herunterzuschweben scheint, ganz ähnlich wie bei einer Vorhand oder Rückhand.

Taro Ramberg, der mit den Santa Barbara Condors zwei US-Meisterschaften gewann, verfügt uch über einen der effektivsten und eigenwilligsten Hammer. Als früherer Baseball-Shortstop an der Highschool und in unteren Ligen wirft Ramberg einen geradegezogenen Hammer, fast wie ein Shortstopper (zwischen der zweiten und dritten Base) zur ersten Base wirft.

Dobyns, Jones, Ramberg und jeder andere, der den Überkopfwurf nutzt, muss trotzdem den Wind auf der Rechnung haben, genau wie es Herrick hatte. „So oft hast du einen weit offenen Spieler gesehen, den Hammer geworfen und dann erst erkannt, dass der starke Wind den Wurf um 15 Meter ablenkt,” sagte Herrick. “Ich nehme an, das geht heute vielen noch genauso.” Das tut es sicher.



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