Ultimativ Scheibe spielen

Mixed-Quali_NO2013_Spielszene1Ultimate ist weit mehr als gemütliches Scheibenwerfen – ein aufstrebender Sport und Lebensgefühl – mit freundlicher Genehmigung von Maxim Westermann

Berlin – Ein starkes Zuspiel. Sie segelt in die Endzone. Robert „Robse“ rennt nebenher, sein Blick fest an sie geheftet. Er ist schnell, sein Gegenspieler kann ihn kaum verteidigen, wird abgehängt. Er will schon nach ihr greifen und punkten, doch sein Objekt der Begierde dreht noch einmal ein wenig ab. Robse will die Kurve mitgehen, ändert seine Laufrichtung minimal. Ein Fehler. Er rutscht weg, noch bevor er zupacken kann, taucht er ungewollt aber dennoch geschmeidig unter ihr hindurch und schmückt sein Trikot mit dem Grün und Braun des nassen Rasens. „Scheiß Schuhe!“, schreit er. Sie hingegen schwebt unbeeindruckt über ihn und die Endzone hinweg und landet im Aus. Sie – das Objekt der Begierde. Sie – die Frisbee.

Hätte Robse, drahtiger Kapitän seines Teams Die Huck-Fressen, die Scheibe gefangen, es wäre ein wichtiger Punkt gewesen. Einer, der sein Team näher herangebracht hätte an die Deutsche Meisterschaft im Ultimate Frisbee. Hätte. Sein Team bleibt in Rückstand. Vorerst.

Start: Berlin, Ziel: München

Ein paar Tausend Spieler und Spielerinnen zählt der vergleichsweise noch junge Sport Ultimate Frisbee in Deutschland. Gut über hundert von ihnen trafen sich am vergangenen Wochenende in Berlin, um bei einem Qualifikationsturnier der Klasse Mixed Startplätze für die Ende Mai in München stattfindende Deutsche Meisterschaft auszuspielen (klickt euch oben durch die Bilder vom Wochenende).

Auf einer riesigen Wiese. Drei Spielfelder sind abgesteckt, Absperrband statt Kreidelinien. Ein paar einsame Pfützen mitten im Spielfeld locken die Spieler zum Bad im Schlamm, ein paar belegte Brote am sporadischen Büffet zur Stärkung. Kein Stadion. Keine Tribünen. Wasserkisten dienen als Sitzgelegenheit. Frisbee um Frisbee surrt durch die Luft. Das Durchschnittsalter der Spieler ist kaum auszumachen. Jung trifft irgendwie mittelalt. 13 Teams sind am Start. Alle sind heiß. Jeder hier will zur „Deutschen“.

Werfen, fangen, laufen – und laufen
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Ultimate Frisbee kommt, wie die namensgebende Wurfscheibe selbst, aus den USA, vereint Elemente aus American Football, Fußball und Basketball und heißt mittlerweile offiziell nur noch Ultimate. Auch ist Ultimate vor allem Laufsport. Um ein Spielfeld von 100 Meter Länge und 37 Meter Breite mit nur sieben Spielern taktisch clever ausnutzen, bedarf es schneller und ausdauernder Beine. Insbesondere, um die eigene 18 Meter lange Endzone – geborgt aus des Amerikaners liebster Profi-Liga NFL – erfolgreich zu verteidigen. Denn entgegen einem Footballer in Helm und High-Tech Kampfmontur ist es einem Spieler im Ultimate nicht erlaubt, rennende Kontrahenten mit einem beherzten Tackle auf Höhe der Grasnarbe zu mähen. Es gilt, sich permanent an die Hacken des Gegenspielers zu heften, um im besten Fall einen Pass zu unterbrechen. Gegner umkloppen? Häng dich dran!

Robse braucht sich beim Sprint nach der Scheibe also weniger Sorge um die Versehrtheit seines Körpers, als mehr um die Profillosigkeit seiner Schuhe zu machen. Der Pass auf Robse kommt übrigens weit aus dem Hinterfeld, präzise geworfen vom Spieler „Normi“, so zumindest verrät es das aufwendig designte Trikot. Nach einigen Wurffinten im basketballtypischen Sternschritt – Laufen mit Frisbee ist untersagt und Dribbeln lässt sich diese eher mäßig – feuert Normi im Akkord 70m-Pässe über die Wiese. Und die finden meist ihren Rezipienten.

Mannschaften wie die vom Team TiB-Top erscheinen da lauffreudiger, pflegen eher den Kurzpassstil eines FC Barcelona. Mit Erfolg, das Team siegt häufig an diesem Wochenende. Die Ähnlichkeiten zum Fußball beschränken sich jedoch auf die Spielanlage der Mannschaften. Und auf das Schuhwerk. Grell leuchtende Fußballschuhe mit Swoosh und rutschfesten Stollen zieren die Füße vieler Spieler. Nur die von Robse nicht.

Mixed-Quali_NO2013_Spielszene3Statt Rudelbildung – Spirit of the Game!

Kurz nach Robses misslungenem Versuch zu punkten, ruht das Spiel der Huck-Fressen (ein Huck ist ein sehr langer Pass, wird ausgesprochen wie Hack) für einige Minuten. Eine Huck-Fresse und ein Spieler des Teams Hund Flach Werfen stehen sich gegenüber, gestikulierend, offensichtlich diskutierend über ein vorangegangenes Foulspiel. Die aus anderen Sportarten gewohnte Rudelbildung bleibt aus, artig verharren alle Spieler an ihren Positionen. Ein Freeze. Auch der maßregelnde Pfiff eines heraneilenden Offiziellen entfällt. Ultimate kennt keine Schiedsrichter. Selbst ist der – mündige – Athlet.

Spirit of the Game lautet diese oberste Regel beim Ultimate. Die Spieler klären strittige Szenen untereinander. Miteinander. Eventuelle Fouls ob eines eher seltenen Zusammenstoßes oder fragwürdige Turnover können kurz besprochen werden. Auf und neben dem Platz kein Murren. „Komm, wir reden über das Foul!“ Was auf Wettkampfniveau auf keinem Fußballplatz der Republik vorstellbar wäre, geht beim Frisbeesport – wie die Scheibe selbst – lässig von der Hand. Keine Pöbelei, sondern kurze Absprache. Game on.

Die Spirit-of-the-Game-Mentalität ist auch über die das Spielfeld begrenzenden Absperrbänder hinaus spürbar. Bankspieler applaudieren bei gelungenen Aktionen des Gegners, pausierende Teams sitzen gemeinsam beieinander und unterhalten sich. Dass die lokale Senioren-Sportgruppe knapp neben den Spielfeldern eines wichtigen Qualifikationsturniers ihr Wochenend-Programm ausübt und besagte Freunde des runden Leders die letzten Quadratmeter Rasenfläche zum Bolzen belagern, scheint keinen Anhänger von Ultimate ernsthaft stören zu können. Nur wenige Mannschaften haben einen Trikotsatz, gleichfarbige Shirts verschiedenster Ausführung tun auch ihren Zweck.

Es liegen eine sympathische Unprofessionalität und Lockerheit über dem Turnier, die das Credo von Ultimate unterstreichen: Seid miteinander, habt Respekt voreinander und Freude am Spiel.

Immer mehr haben eine Scheibe

Robse sorgt dafür, dass diese Freude am Spiel Ultimate noch weitere Sportler erreicht. Er ist Trainer der Huck-Fressen, bildet Lehrer in seinem Sport weiter, gibt Seminare im Hochschulsport. „Ultimate Frisbee steckt schon längst nicht mehr in den Kinderschuhen“, sagt er vor dem Spiel. „Wir haben einen eigenen Verband, allerdings noch keine reinen Ultimate-Vereine. Aber das kommt. Was Fitness und Ernsthaftigkeit angeht, ist Deutschland beim Ultimate ganz vorne mit dabei!“ Schon im Angriffsmodus, vergisst Robse völlig die reinen Ultimate-Vereine Frischbees aus Hamburg und die Goldfingers aus Potsdam. Sei´s drum, der Mann hat ´ne Frisbee im Kopf. Wie kein anderer Sport in Deutschland sei Ultimate in den letzten Jahren gewachsen, verrät er noch. Auch im Süden Deutschlands bilden sich Vereinsstrukturen aus. Meisterschaften gibt es seit über 30 Jahren. Es geht aufwärts. Robse muss auf´s Feld.

Auf der anderen Seite des Atlantiks sieht es natürlich ganz anders auMixed-Quali_NO2013_Spielszene4s. Kanada und Geburtsland USA sind am professionellsten aufgestellt, es gibt erste eigene Profi-Ligen und mit Brodie Smith so etwas wie ein sportarteigenes You-Tube-Phänomen. Stars, Profi-Ligen, Spielergehälter und finanzkräftige Sponsoren kennt das deutsche Ultimate nicht. Wägt man den Gesamteindruck des Turniers in Berlin ab, möchte es die vielleicht auch gar nicht kennen.

Huck schlägt Hund

Die Diskussion um das Foul ist beendet, das Spiel zwischen Huck-Fressen und den in Grün spielenden Hund Flach Werfen geht in die entscheidende Phase. Auch dank eines fulminant aufspielenden jungen Herrn, dessen Unterleib ein überraschend pinkes kurzes Sporthöschen kleidet, gehen Hund Flach Werfen schnell mit 9:4 in Führung. Noch ein Punkt zum Sieg. Doch die Huck-Fressen wollen noch ein wenig Scheibe spielen. Und das tun sie. Normi feuert, Robse fängt. In der Endzone, ohne unfreiwillig abzutauchen. Zweihändig, einhändig, selbst freihändig könnte jetzt gelingen. Punkt um Punkt holen die Hucks auf. Auch die Spielerinnen verteidigen bravourös. Blocken Pässe, laufen den Gegner mürbe. Es soll sich auszahlen.

Zu Spielende steht ein 10:9 für die Berliner Huck-Fressen auf der Punktetafel. Ja, auch im Ultimate geht´s dramatisch zu. Und stimmungsvoll. Die sieben gut gelaunten Fans der Huck-Fressen am Spielfeldrand hüpfen, stimmen an: „Oléééé, olé, olé, olééééé!“ Die Hucks fahren nach München.

Und alle haben sich lieb

Nach dem Spiel ein ungewohntes Bild. Händeschütteln nach Abpfiff  ist in den großen Ballsportarten Ehrensache. Mit Wohlwollen ist auch mal eine Umarmung drin. Ultimate geht drei Schritte weiter. Die gegnerischen Mannschaften kommen zusammen, bilden gemeinsam einen Kreis. Schulter an Schulter, die Arme umeinander gelegt, lässt je ein Spieler jeder Mannschaft das soeben beendete Spiel noch einmal Revue passieren. Was war gut? Und was nicht? „Reife Leistung Hucks!“, zollen Hund Flach Werfen ihrem Gegner Respekt. „Klasse Spiel“, lobt Robse alle.

Danach erst klatschen die Teams sich ab, jeder mit jedem. Die einen laufen links herum, die anderen rechts herum. High-Fives im Sekundentakt. Nur lachende Gesichter rundum. Da also dreht er sich noch einmal im Kreis, dieser wunderbare Geist des Ultimate. Das Lebensgefühl. Der Spirit of the Game.



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