Ultimate Frisbee im Heiligen Land

logoAls Deutscher bin ich beruflich für drei Jahre in Jerusalem gelandet und habe mich natürlich sofort auf die Suche nach Ultimate Teams gemacht. Die Szene scheint in und um Tel Aviv herum sehr aktiv zu sein, immerhin gibt es dort einmal im Monat ein Pickup-Turnier und auch ein ernstes Teams mit internationalen Ambitionen. In Jerusalem gibt es verschiedene Gruppen, die Ultimate spielen, meistens Studenten, meistens nachts mit Flutlicht im Park, und oft sehr improvisiert. – Ein Selbsterfahrungsbericht von Andreas „Ed“ Glindemann

Ein Team ist jedoch über die letzten Jahre hinweg konstant auch im Internet als Ansprechpartner präsent, mit einer festen Truppe, Spielfeldhütchen und einer gewissen Regel-Grundkenntnis, sowie einer festen Trainingszeit: Freitags vormittags, das ist hier vor Shabat, wo ab 15 Uhr nachmittags gar nichts mehr geht (Busse, Geschäfte, alles dicht). Genau genommen fängt ein Spiel  7 gegen 7 meist erst um 12 Uhr an. Richtig. High noon, wenn die Sonne am höchsten steht. Bei meinen ersten Trainings dachte ich, ich breche zusammen, so verdammt heiß war es (im Bild vom Trainingsspiel ist Ed außen rechts zu sehen). Aber man gewöhnt sich an alles, und im Winter ist es in Jerusalem so wie im Sommer in Hamburg. Sonnig, mal windig, oft trocken, T-Shirt und kurze Hose gehen.

Lions-of-Zion_Sacher-Park_2013Das Besondere an diesem Team ist, dass es aus ultra-orthodoxen Juden besteht. Das sind also Rabbis (jüdische Gelehrte wie Pastoren oder Priester bei und) mit ihren Jeschiwa-Studenten. Die machen den Tag über kaum etwas anderes als sich mit dem Studium der Thora zu beschäftigen. Viele aus dem Team sind inzwischen keine Studenten mehr und haben richtige Jobs, lesen aber noch immer mindestens 3-4 Stunden am Tag in der heiligen Schrift. Wow. Viele sind auch schon Väter. In Jerusalem liegt der Schnitt pro Familie bei 6 Kindern. Ich mit meinen zwei Kindern falle da stark aus dem Rahmen, dafür hat „Rabbi“, wie er gerufen wird, 10 Kinder zu Hause. Alle von der gleichen Frau, die gesund und fit aussieht und auch ab und zu mal die Scheibe wirft, aber nur an der Sideline. Ich habe mit ihr gesprochen, als auch meine Frau nur an der Sideline stehen durfte, und nicht mitspielen (aus religiösen Gründen). „Was, 10 Kinder findet ihr viel? Unsere Nachbarn haben 17 Kinder!“

„Rabbi“ ist jedenfalls Rabbiner im Norden der Stadt, ein sehr ehrgeiziger und erfahrener Spieler auf dem Feld immer mit dem tödlichen Pass aus dem Handgelenk im Anschlag. Er ist Israels amtierender Disc Golf Champion und hat in seinem Waldstück einen eigenen Parcours installiert. Er spricht nicht viel, aber aus seinen Augen blitzt es sympathisch und ich merke sofort, dass wir auf dem Feld auf einer Wellenlänge sind. Oft bringt er Disc Golf Scheiben mit und übt während der Trinkpausen seine Würfe quer durch den Park. Leider kann er bei den richtig wichtigen Disc-Golf Turnieren nie mitmachen, da er aus religiösen Gründen am Shabbat (Samstag) nicht spielt. Die meisten Turniere laufen aber Samstag und Sonntag. Auch sein Vorschlag, Freitags die Runde vorzuspielen oder Sonntags eine nachzuspielen wird mit Verweis auf gleiche Rahmenbedingungen (Wetter, Wind, Sonne) abgelehnt.

Ultimate-Israel_Tournament-OrgaDie anderen heißen Nathan, Eldan, Ido, Avi, Alon, Jakov, Brad, Keith oder Dave (davon gibt’s gleich 3), vom Immoblilienmakler bis zum aktiven Siedler. Über Politik sprechen wir eigentlich nicht. Ich darf als Christ mitspielen, auch als einer, der bei den Arabern in Ost-Jerusalem arbeitet. Kein Problem, ich werde geschätzt als erfahrener, zuverlässiger und humorvoller Spieler. Zum Glück sind die meisten amerikanische Juden oder jüdische Amerikaner, so dass meistens englisch gesprochen wird. Und es sind halt auch Ultimate Spieler. Mit Spirit. Oder so. Einige kommen als „Pinguine“ mit schwarzer Stoffhose, schwarzen Schuhen, weißem Hemd und mit schwarzem Hut ans Feld und ziehen sich dann ihre Cleats, Shorts und Basecap an, andere spielen sogar mit Kippa oder im Zottelhemd (so ein religiöses Teil mit Fransen, die einen an Gott denken lassen sollen).

Auf dem Spielfeld, wenn man die Wiese im Park denn so nennen darf, gibt es leider viele Unebenheiten und Löcher, aber auch grünen Rasen dank der künstlichen Bewässerung. Wenn die mal spinnt, gibt es auch tiefe Pfützen. Es gibt auch einen Lichtmasten, der abends gutes Licht spendet, aber wir spielen ja mittags.  Wie in jedem Park gibt es mal Menschen, die quer übers Spielfeld laufen, Hunde oder Menschen die zuschauend stehen bleiben. Einige spielen oben ohne, einer barfuß und einer mit FiveFingers (Zehensocken aus Gummi), wenige haben sogar ein Trikot an, blau, mit dem Jerusalemer Stadtwappen, dem Löwen. „Lions of Zion“. Als in der Mailingliste nach Shirts gefragt wurde, die nachbestellt werden sollten und ich mich beteiligen wollte, kam raus, dass nur 2 Leute ein neues Shirt wollten. Das war vor 2 Jahren.

Ultimate-Israel_Silver-winnersDas Problem und der große Unterschied zu Deutschland ist, dass sie alle religös sind, den Shabbat einhalten und somit Samstags zu Hause bei ihren Familien bleiben. Keine Wochenend-Turnierkultur also. Aussie Dave hat mir mal gesagt, er war schon auf drei Turnieren. Ich schaute ihn fragend an. In einem Monat? Nein. Lebenserfahrung. Hier gibt es nämlich nur einmal im Jahr ein Turnierchen, den Israeli State Cup , organisiert von Dan Tapuach (oben links) und Abraham Chiswick (in pink) von der IFDA (Israeli Flying Disc Association). Da kamen dieses Jahr 8 Teams zusammen. Mein Team, die Lions, konnte leider aus religiösen Gründen nicht antreten, da es in der Pfingstwoche (Pesach) genau auf den heiligsten Tag gelegt worden war. Dave schrieb daraufhin die Ausrichter vom israelischen Landesverband an und beschimpfte sie als Antisemiten.

Ich habe mich trotzdem zum einzigen Turnier begeben, wo die Teams gegen einander antreten und habe bei einem Team namens BjoP angeheuert. Kurz für „Basic Joy of Play“, entnommen dem WFDF Regelwerk in der Passage über den Spirit. Grandma, der das Team leitet, ist ein alter Brite von den Fluid Druids (die trinkfesten alten Englischen Säcke in lila um Adam, mit denen ich mich schon oft international mit den Hardfischen gebattled habe). Er sagt, er habe das Team vor einigen Jahren aufgebaut, um gegen den Mangel an Spirit im Israelischen Ultimate zu protestieren. So stehe ich dann auch zu Turnierbeginn in der Teamfarbe pink am Feld. Um 10 Minuten vor Spielbeginn sind wir zu dritt. Es geht gegen den amtierenden Meister Israels, der sich von irgendwas anderem in „Element“ umbenannt hat (am Ende die Zweitplatzierten, Foto oben links). 20 Kerle mit Shorts, Cleats und Rückennummern. Wow. Und die machen sich richtig warm.

Ultimate-Israel_Gold-winnersNach 5 Minuten offizieller Spielzeit haben wir 7 pinke Spieler beisammen und beginnen dann wirklich. Meine Mitspieler sind entweder amerikanische College Studenten im Auslandssemester oder Coaches von Frisbee-Camps mit Arabern und Israelis („Ultimate Peace“, s. Scheibenmotiv unten links) – aber leider auch sehr unsportliche weil unfitte und unerfahrene Rookies. Als erstes überrasche ich meinen überheblichen Gegenspieler mit einem Footblock und wir können einen Punkt einfahren und bejubeln. Mehr als 3 werden es aber nicht, das Team ist nicht eingespielt und zu verschieden. Im zweiten Spiel sind wir schon 10 Spieler, verlieren aber gegen den späteren Turniersieger, einem Nachwuchsteam aus einem Vorort Tel Avivs. Das Gewinnerteam New Age aus Ra’ana (Foto) schlägt im Finale des Israeli State Cup 2014 das Team Element.

Ultimate-Israel_Spirit-CircleDas Spiel um den dritten Platz gewinnen wir jedoch knapp und hart umkämpft nach vielen Turnovers und weil unsere Raucher und unfitten Spieler schon schlapp gemacht haben und endlich einmal die anderen spielen lassen. Auf dem Foto ist unser Team im Line-Up in pink nach dem Spiel gegen Haifa zu sehen. Schon eine Erfahrung, das.

Zurück in Jerusalem interessiert sich kaum einer der Lions für das Turnier (Szene aus dem Finale, unten rechts). Ein neuer Ami fragt nach meinem Fisch auf dem Shirt und fragt nach meinem Heimatteam. Und ein Junior, gerade mal 15 Jahre alt aber mit deutschem Nationaltrikot, natürlich getraded, erzählt mir wie er gegen die German Juniors knapp verloren hatte, damals. Der ist echt super athletisch, schnell, wurf- und fangsicher aber noch etwas zu grün hinter den Ohren. In seinem Dorf gäbe es einen Juniorencoach an der Schule, das sein Schülerteam trainiert, das halbe Nationalteam. Er fährt jeden Freitag über eine Stunde mit dem Bus um bei uns zu trainieren. Ich komme in 15 Minuten mit dem Fahrrad.

FinalszeneNach dem Spiel in Jerusalem im Schatten an der Sideline trinken alle Wasser. Man wünscht sich einen schönen Shabbat Shalom und jeder geht seiner Wege, bis zum nächsten Freitag. Einige lassen noch einmal die schönsten Momente des Spiels Revue passieren und loben und lachen. Einige verteilen Einladungen für ihre Hochzeit. Wie? Ich? Ja. Ohne Kippa? Ja. So kam ich zu dem Vergnügen zwei orthodoxen Hochzeiten meiner Mannschaftskameraden beiwohnen zu können. Kleine Hochzeiten, nur 400-600 Gäste. Frauen und Männer getrennt. Mit Tanzen zu orientalischer Volksmusik bis tief in die Nacht. Auch eine Art von Frisbee-Party. Mit dem Rabbi und mit Mika, der sich seinen Hut anzündet und so Räder um den Bräutigam schlägt. Und natürlich fliegt über den pogenden Männermob auf der Tanzfläche die Frisbeescheibe des öfteren hin und her.

Das wiegt die verpassten Turniermomente auf und auch das fehlende Bierchen nach dem Spiel – wäre am Mittag vor dem Shabbat ja auch wirklich unpassend. Ich hole mir meine Dosis Ultimate und meinen Workout jedenfalls ab, sprinte dabei, um nach dem Pull als erster über der Mittellinie zu sein oder nach dem Punkt als erster auf der Grundlinie. Es macht Spaß.

Ultimate-Peace-DiscAuf der Homepage steht lustigerweise, dass es beim Ultimate mit den Lions die einzige Möglichkeit gibt, das Parlament zu bezwingen („Force Knesset!“). Und dass interessierte Ultimater gerne zu einem Shabbat Dinner vermittelt werden. Das finde ich gar nicht so schlecht. Wer also vorbeikommt als Tourist, kann ja mal reinschneien. Pickup Games (auch für Damen!) gibt es unter der Woche fast jeden Abend im Gan Sacher, wie der Park heißt.  Dann aber von den eher unorganiserten Studentengruppen, die „Huck and Rush“ praktizieren. Turnover Festival.  Oder in Tel Aviv einfach mal am Banana Beach staunen, wie rund 30 Scheiben gekonnt posermäßig von Kraftprotzen und Adonissen hin und hergeworfen werden. Zwischen all diesen Holz-Strandtennis Spielern. Aber nur im Sommer.

Ed-GlindemannÜber den Autoren: Andreas „Ed“ Glindemann, Ultimate Vitae Highlights: Beginn 1997 in Edinburgh (Sneeekeys), Gründungsvater  (1999) und Ehrenmitglied (ab 2011) der Fischbees in Hamburg, Gründer des jährlichen internationalen Beach Hat Turnieres „Copa Pescadisco“ (2000) auf Mallorca, Silbermedaille Deutsches Mixed Nationalteam (EM 2003), Deutscher Vize-Meister mit Hardfisch (2006 und 2007)


«


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.