Game Advisor im Top-Level Ultimate

Im Mai 2019 haben erstmals sechs Deutsche, darunter eine Frau, an einer Game Advisor-Ausbildung des WFDF teilgenommen, die parallel zum DFV Ligapokal im Open-Ultimate in Nürnberg stattfand. Drei von ihnen, Jonas Beck aus Karlsruhe, Jens Friebe aus Duisburg und Philipp Huber aus Stuttgart, schildern hier ihre Eindrücke.

Jens Friebe wusste anfangs nicht, was er von dem GA-Programm halten soll, also wollte er es selber herausfinden. Jonas Beck hat bereits auf verschiedenen Turnieren mit GAs gespielt und ist sehr überzeugt vom Konzept. Seiner Meinung verbessern sie jedes Spiel für die Aktiven wie auch fürs Publikum, trotz kleiner Fehler, die er als Kinderkrankheit einordnen würde. In der GA-Ausbildung wurde den Teilnehmenden vermittelt, wie sie ein Spiel aktiv als GA zu beobachten und wie sie sich in verschiedenen Situationen zu verhalten haben. Jonas Beck fasst zusammen:

„Im Vordergrund stand, dass wir für die Spieler da sind. Unsere Rolle ist es ihnen dabei zu helfen ein faires Spiel auszutragen. Unser Ziel ist zum einen unauffällig und nicht intrusiv zu sein, und zum anderen geschickt zu unterstützen. Kleine proaktive Maßnahmen in persönlichen Gesprächen mit Trainern, Captains und Spirit Captains sind oft der Schlüssel dafür.“

Philipp Huber ergänzt:

„Game Advisor unterstützen die zügige Lösung von Calls und Diskussionen – sofern von den Spielern angefordert – durch Klärung der zutreffenden Regel und deren Interpretation oder das Teilen ihrer Sichtweise des Geschehens. Die Maxime ist, dabei im Zweifel nichts zu sagen, um damit bei tatsächlich gemachten Aussagen eine Verbindlichkeit zu erzeugen. Game Advisor spekulieren entsprechend nicht und äußern sich auch nicht dazu, ob eine Aktion Einfluss auf das Spiel genommen hat; das müssen die Spieler selbst entscheiden. Wenn absehbar ist, dass nur ein Contest das Ergebnis des Calls sein wird, helfen sie außerdem dabei, dass sich die Diskussion nicht unnötig in die Länge zieht.“

Die Durchführung der Veranstaltung wurde als sehr gut bewertet. An interessanten „Erst-Erkenntnissen“ wird unter anderem davon berichtet, dass es schwer ist, nicht eingreifen zu dürfen, wenn Spieler offensichtlich falsche Entscheidungen treffen, also etwa nicht anzeigen zu dürfen, dass eine Scheibe down war, weil niemand es gecallt hat. Manchmal fiel es offenbar auch schwer nicht mitzufiebern, wenn bei einem Einsatz als GA gerade die eigene frühere Mannschaft auf dem Feld steht.

Als positiv empfunden wurde schon bei den Praxiserlebnissen während der Ausbildung, dass die Spielenden weitgehend auf die Time Limits achten und dass sie beim Anzeigen von „Offside“ (Überqueren der Grundlinie vor dem Pull) auf die GA reagieren. Die vorgenommenen Handzeichen dienen zwar auch den Spielenden, werden aber vor allem von den Zuschauenden beachtet. Dass GA ihre oder seine Perspektive anbieten sollten, wurde nur selten beansprucht. Philipp Huber hatte schon beim Ligapokal zwei Schlüsselerlebnisse, als zwei ihm bekannte Spieler einen Call retracted bzw. akzeptiert haben, was er bei ihnen ohne GA bisher noch nie beobachtet hatte.

Jens Friebe meint, dass er insgesamt eine sehr passive Rolle hatte, genauso wie es seiner Meinung nach aber auch sein sollte:

„Der Testeinsatz bei Spielen des Open-Ligapokals verlief von Team zu Team unterschiedlich. Bad Skid ist sehr erfahren im Umgang mit Game Advisors, dementsprechend hat das Team auch komplett anders mit uns interagiert als die anderen Teams. Der Rest war zum Großteil etwas unsicher über unsere Rolle, aber trotzdem sehr aufgeschlossen.“

Jonas Beck ergänzt, dass die Bezeichnung „Game Advisor“ (Spielratgeber*innen) aus seiner Sicht ihre Rolle sehr präzise und passend beschreibt:

„Ein Game Advisor hilft den Spielenden mit Perspektive und Regelkenntnis und hat einen guten Job gemacht, wenn man den Eindruck hatte, dass er/sie nicht nötig war. In Spielen, in welchen er/sie tatsächlich benötigt wird, also dort, wo sehr schlechter Spirit festzustellen ist, da soll ein Game Advisor aktiv sein und hat sogar das Recht und die Pflicht Officials und TD Meldung über Vorkommnisse zu machen, die zu Sanktionierungen führen können.“

Philipp Huber fasst die Konsequenzen der Anwesenheit von GAs wie folgt zusammen:

  • sie verbessern die Zuschauererfahrung vor Ort und im Stream
  • sie haben, wenn sie richtig arbeiten, i.d.R. die beste Perspektive aller Nicht-Aktiven und evtl. sogar auch aller Aktiven
  • sie können als neutraler Beobachter die „richtige“ Auflösung von Calls unterstützen
  • sie verbessern die Regelkenntnisse der Spielenden durch Klären von Regelfragen direkt in der jeweiligen Situation
  • sie helfen den SOTG in umkämpften Spielen hochzuhalten und zu vermeiden, dass sich Emotionen hochschaukeln
  • sie machen das Spiel damit sogar ein Stück weit fairer
  • sie helfen den Teams sich auf ihr Spiel konzentrieren zu können, ohne beim anderen Team auf das Einhalten von Rahmenbedingungen achten zu müssen (Offside, Timelimits, korrekte Anzahl an Spielern, Gender Ratio bei Mixed, u.a.m.)

Seiner Erfahrung nach genügt schon der Anblick von GAs, um einen signifikanten Unterschied in Hinblick was Regelanwendung und Kommunikationsverhalten festzustellen. Die Anwesenheit einer dritten, neutralen Person bei einer Diskussion verändert seiner Meinung nach ihren Verlauf schon zum Positiven, noch bevor ein GA überhaupt aktiv wird. Eine neutrale Partei reiche aus seiner Sicht oft schon aus, damit Spielende fragwürdige Calls vor sich selbst nicht mehr rechtfertigen könnten. – Zugleich betont er auch, was GA NICHT tun:

  • sich unaufgefordert einmischen
  • Recht sprechen
  • Spielende daran hindern eine Situation falsch aufzulösen, wenn sie sich einig sind
  • Einfluss auf das Spiel nehmen, wenn sie von Spielenden nicht angefordert werden

Entsprechend positiv und befürwortend äußern sich alle drei Befragten denn auch zur Frage, ob GA im High Level Ultimate eingesetzt werden sollten. Jonas Beck betont, dass GA wie beschrieben Spiele für Aktive und Zuschauende angenehmer machen, ohne die Aktiven jedoch in ihren Rechten und Pflichten einzuschränken. Er selbst habe als Spieler schon oft erlebt, wie Emotionen unter Druck die eigene Perspektive verzerrten. Er hält dies sogar für unvermeidbar, wobei es gleichzeitig die Freude am Spiel nehme. Jens Friebe sieht ihren Einsatz bei internationalen Turnieren für unbedingt empfehlenswert. Wenn unterschiedliche Nationalitäten und Kulturen die Regeln unterschiedlich interpretierten, könnten GA bei der Vermittlung behilflich sein.

Philipp Huber meint, dass das Feedback aus der Community fast ausschließlich positiv sei, gerade weil das System die Verantwortung bei den Spielenden lässt und die Ratgeber*innen eine neutrale und nützliche Ressource für die Spielenden darstellen. Dem WFDF liege insbesondere am Herzen, dass Game Advisor nicht als eine Vorstufe wahrgenommen werden, die unausweichlich zu Schiedsrichtenden führen müsse. Im Gegenteil sollten sie so unauffällig wie möglich am Spiel teilnehmen. Daher würde es der WFDF auch begrüßen, wenn Events der nationalen Verbände ähnlich wie etwa in Japan von Game Advisors begleitet würden.

In Bezug auf einen möglichen Einsatz in Deutschland sind sich die drei Befragten jedoch einig, dass dieser aktuell ziemlich sicher nicht nötig sei. Ob man sie aufgrund der genannten Punkte nicht dennoch einsetzen sollte, liegt im Auge der/des Betrachtenden. So schränkt Jens Friebe ein:

„Für Deutschland sehe ich die Notwendigkeit nicht, außer vielleicht es gibt ein Showcase Field bei der 1. Liga, bei dem gestreamt wird mit Kommentatoren. Da könnte man vielleicht darüber nachdenken. Aber davon abgesehen: Definitiv nicht.“

Jonas Beck und Philipp Huber sowie zwei weitere der Deutschen, die die Ausbildung absolvierten, kamen bei der U24 Ultimate-WM in Heidelberg zum Einsatz, zusammen mit zehn weiteren GA aus den USA, Kanada, Kolumbien, Großbritannien und Irland. Philipp Huber empfand die Organisation und das Game Advising als zum Teil etwas chaotisch. Dennoch glaubt er, dass die GA dort einen guten Job gemacht und somit zum guten Ablauf des Turniers beigetragen haben. Er sieht sich selbst jedoch noch mehr als Spieler denn wirklich als GA. Dennoch hält er die WFDF-Initiative für sinnvoll und würde persönlich auch das Kosten-Nutzen Verhältnis bei deutschen Game Advisors auf deutschen Turnieren positiv bewerten.


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