Gegen den Mythos keiner Strafen im Ultimate

Fundamentales Missverständnis als Einfallstor für Regelverstöße

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, lautet ein Sprichwort. Dies gilt auch im Teamsport Ultimate, obwohl sich hartnäckig der Mythos hält, der Sport habe „keine Strafen vorgesehen“. Doch Ultimate ist keineswegs ein rechtsfreier Raum, wie jüngst bei einem Spirit of the Game-Workshop des DFV in Duisburg erarbeitet wurde.

Der TKD Duisburg-Duissern hatte DFV-Geschäftsführer Jörg Benner eingeladen, um im Rahmen der Fairplay-Schulung den Bereich „Regeln kennen und anwenden“ zu behandeln. Im angeregten Workshop ergab sich zunächst, was vermutlich für die meisten Ultimate-Teams (nicht nur) in Deutschland gilt: Die wenigsten Spielenden beschäftigen sich selbst aktiv mit den Ultimate-Regeln 2017 auf Deutsch. Die meisten verlassen sich auf einzelne Wortführende, die dann gewöhnlich die Diskussionen bestimmen.

Insofern ist schon die Regelkenntnis oft mangelhaft und geht kaum über fundamentale Kenntnisse von In/Aus, Up/Down, Travel, Foul und evtl. Pick hinaus. Das Einüben der Regelanwendung wird darüber hinaus nur selten im Training berücksichtigt, obwohl genau dies der Paragraf 1 explizit fordert.

Weiter wurden in der Diskussion mehrere sehr interessante Punkte deutlich, die den Mythos aufheben, dass im Ultimate keine Strafen vorgesehen seien. Zunächst ist dazu die Visualisierung hilfreich, wenn wir den Sport Ultimate als einen Kreis betrachten, wonach nur eine Hälfte des Kreises das Geschehen auf dem Feld abbildet und dies selbstreguliert stattfindet. Die andere Hälfte des Kreises ist die Sportorganisation; diese umfasst Ausrichtende, Organisierende, zuständige Fach- und Dach-Verbände (wie Landesverbände, DFV, LSB, DOSB) sowie Anti-Doping-Agenturen und internationale Verbände. Zudem gelten Recht und Gesetz.

Darüber hinaus muss jedoch die Grundlage des § 1 noch weit stärker ins Bewusstsein gerückt werden, dass jeder Verstoß gegen das Fairplay eine Regelverletzung ist. Anders als in anderen Sportarten sind Aussagen wie “Scheiß auf den Spirit” klare und grobe Regelverstöße und sollten im Spiel als Violation geahndet werden!

Weitere Interpretationen betreffen folgende Unterpunkte:

  • § 1.2. “…infolgedessen sind keine harten Strafen für versehentliche Regelverstöße vorgesehen, sondern vielmehr eine Methode zur Spielfortsetzung, …”
  • -> d.h., dass sehr wohl Strafen vorgesehen sein könnten (wenn auch keine harten). Die Frage ist, wer diese durchsetzen sollte: nur die Teams gemäß § 1.7 oder auch die Sportorganisation (wir denken an die Sanktion vom gegnerischen Brickpunkt zu starten, nach zweimaligem Überziehen der Frist bis zum Pull nach erzieltem Punkt oder Abseits)?
  • -> d.h. aber auch, dass das Gegenteil zutreffen könnte, also dass es sehr wohl harte Strafen für NICHT versehentliche Regelverstöße geben könnte. Denn das genau ist, wovon viele internationale Topspieler berichten – Aber wer setzt hier welche Strafen durch?
  • § 1.9 stellt die Erlaubnis zur Beaufsichtigung von Spielen mit Anfängerinnen und Anfängern aus, die sich analog zum Konzept der Game Advisor interpretieren lässt.
  • Zu § 1.11 “Spielende und Kapitäne tragen die alleinige Verantwortung alle Calls zu machen”:
  • -> Dies könnte bei ausbleibenden Calls auch Kapitäne umfassen, die an der Seitenlinie stehen? Aber umfasst das neben den Team Captains auch Spirit Captains (oder gibt es jeweils immer nur eine oder einen zum Callen berechtigten Cptn pro Team, laut § 5.3.: “Jede Mannschaft ernennt einen Kapitän, der die Mannschaft repräsentiert.”) ?
  • -> Und: Cptns dürfen demnach ALLE Calls machen, außer § 15.4. “Nur der gefoulte Spieler darf ein Foul callen.”

Zuletzt ging die Diskussion auch darüber, “WIE disziplinieren wir Spieler?” Dazu greift teamintern genau die Regel 1.7:

“Teams MÜSSEN ihren Spielenden guten Spirit vermitteln und sie MÜSSEN Spielende disziplinieren, die schlechten Spirit zeigen.”

Eine Idee, wie das gehen könnte, ist das Aufsetzen eines eigenen “Team Spirit Contracts”, der von allen zu unterschreiben wäre und in dem u.a. stehen könnte:

„Wenn eine Mehrheit eines Teams sich für eine Sanktionierung ausspricht, so hat die betroffene Spielerin oder der betroffene Spieler dieses Votum zu akzeptieren.”

Mögliche teaminterne Sanktionierungsstufen wären:

  • du spielst die nächsten zwei Punkte nicht
  • du spielst in diesem Spiel nicht mehr mit
  • du spielst heute/auf diesem Turnier nicht mehr mit
  • du spielst in dieser Saison oder in diesem Verein nicht mehr.

Daneben hilft die kontinuierliche, aktiv im Training betriebene Beschäftigung mit den Regeln. Für Nationalspielende gibt es obligatorische WFDF-Regel-Akkreditierungen. Daneben helfen Regelquiz-Einheiten (vereinsübergreifender Austausch ist hilfreich). Wie sind Eure Erfahrungen mit dem Durchsetzen der Fairplay-Regelungen im Ultimate gemäß § 1, Spirit of the Game? Wie sieht es mit der eigenen Regelkenntnis und -anwendung aus? Welche Schwierigkeiten seht Ihr und wie geht Ihr sie an?


«


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.