Ziele für das eigene Handeln

Beitrag 8 von 8 Aktivitäten für Frisbeesport-Athlet*innen, solange wegen Covid-19 kein Sport in der Gruppe möglich ist. – Ziele verfolgen und neue Ziele setzen. – Von Rainer Beha #wirbleibenzuhause

Unser Sport bedeutet uns enorm viel. Nicht wenige Frisbeesportler*innen haben viel Geld und noch mehr Zeit investiert, haben Wohnorte zumindest mit Frisbee im Hinterkopf ausgesucht, das Privatlebeben darauf ausgerichtet und insgesamt zahlreiche Opfer gebracht, um unsere Sportart zu betreiben.

Aktuell werden wir jedoch alle von einer Realität eingeholt, die so viel größer und überwältigender ist, als unsere kleine Scheibenwelt es manchmal erscheinen lässt. Es ist nicht leicht sich einzugestehen, dass wir dieses Hobby eben doch nur zum Spaß machen.

Es gibt momentan viele Dinge, die wesentlich wichtiger erscheinen. Allerdings ist die Hingabe, mit der wir unsere Sportart normalerweise betreiben, nichts Verwerfliches. Es ist auch in Ordnung enttäuscht zu sein, dass die aktuelle Lage die eigenen guten Vorsätze und Ambitionen untergräbt und es sich durch die zahlreichen Veranstaltungsabsagen gerade so anfühlt, als würde einem der Boden unter den Füßen weggezogen. So manches selbst gesteckte Ziel ist auf einmal nicht mehr zu erreichen.

Ziele als Orientierung für das eigene Handeln

Dabei sind Ziele einer der wichtigsten Aspekte bei der Entstehung von Motivation. Sie treiben uns an und geben unserem Handeln Orientierung. Da die bisherigen Saisonziele nun kaum mehr Bestand haben können und ohnehin ein normaler Trainingsalltag eher schwierig zu realisieren ist, ist aktuell ein guter Moment sich mit der eigenen Zielsetzung zu beschäftigen. Dies kann bedeuten, dass man sich überhaupt ein neues Ziel sucht oder aber die bisherigen Ziele an die gegenwärtige Situation anpasst.

Ein paar grundlegende Gedanken zur Zielsetzung liegen dabei nahezu auf der Hand. Zunächst einmal sollte ein Ziel so anspruchsvoll und gleichzeitig wünschenswert sein, dass es Athlet*innen zum Handeln mobilisiert, also wortwörtlich dafür sorgt, dass man bereit ist, für dieses Ziel den Hintern vom Sofa zu bewegen, um der Erreichung näher zu kommen. Ein Ziel ist jeweils etwas sehr Persönliches und sollte von den Athlet*innen akzeptiert und regelrecht verinnerlicht werden.

Der eigene Einfluss auf das Erreichen eines Ziels ist ebenso von großer Bedeutung. Es muss absehbar sein, dass das eigene Verhalten positive Auswirkungen hat und das Ziel dadurch näher rückt. Wir alle kennen wohl das befriedigende Gefühl, etwas durch eigene Anstrengung geschafft zu haben.  

Auf die gegenwärtig getroffenen Verordnungen und Maßnahmen übertragen bedeutet dies, dass das bewusste Einhalten dieser Beschränkungen jeder einzelnen Person einen kleinen Beitrag zur Bewältigung der Krise darstellt. Auch wenn wir unsere sportlichen Ambitionen gerade nicht ausleben können, so können wir durch eigenes solidarisches Handeln mit dem Ziel einer Verlangsamung der Ausbreitung der Erkrankungen dennoch etwas Zuversicht schöpfen und selbst der Absage von Training und Wettkämpfen zumindest teilweise etwas Positives abgewinnen.

Beim Blick zurück zu den sportlichen Zielen wird klar, dass häufig (wie uns die aktuelle Situation sehr deutlich zeigt) auch externe, unkontrollierbare Einflüsse auf den Ausgang von einzelnen Aktionen, Spielen oder gar ganzen Saisons einwirken und somit zum Erreichen oder eben auch Nichterreichen von Zielen führen können. Daher sind weitere Gedanken bei der Zielsetzung notwendig.

In der Sportpsychologie wird hierbei eine Unterscheidung zwischen verschiedenen Arten von Zielen vorgenommen.

Ergebnis-, Leistungs- und Prozessziele

An oberster Stelle stehen hier die Ergebnisziele (outcome goals). Damit sind angestrebte Ergebnisse bei konkreten Wettkämpfen gemeint. („Ich werde deutsche*r Meister*in.“ oder „Ich gewinne dieses Turnier.“) Solche Ergebnisziele haben eine enorme Zugkraft und können in harten Trainingsphasen, gerade wenn die Möglichkeit zur Zielerreichung noch eine längere Zeit auf sich warten lässt, die Motivation hochhalten. Es sind also oft diese weit entfernten Ergebnisziele, die Athlet*innen bei miesem Wetter trotzdem nach draußen treiben bzw. in der aktuellen Situation dazu bringen auf engstem Raum nach Möglichkeiten zum Trainieren zu suchen.
Es birgt jedoch auch Gefahren, sich lediglich auf Ergebnisziele zu konzentrieren, da gerade diese von zahlreichen unkontrollierbaren Faktoren wie Wetter, Gegner*innen oder Tagesform beeinflusst werden können. So kann es durchaus auch einen hemmenden Einfluss in einer entscheidenden Situation haben, wenn das Erreichen eines Zieles bzw. der Erfolg einer ganzen Saison lediglich vom Ausgang eines einzigen Punktes oder eines einzigen Wurfes abhängt.

Eine weitere Kategorie sind daher die Leistungsziele (performance goals). Diese beziehen sich auf eine angestrebte Leistung in Bezug auf den aktuellen persönlichen Leistungstand. („Ich möchte die Reichweite meines Vorhandwurfs um 15 Meter steigern.“ oder „Ich möchte den Rückhandwurf mit verschiedenen Abwurfpunkten sicher beherrschen.“) Mit solchen Leistungszielen werden Fortschritte über einen mittelfristigen Zeitraum sichtbar, die sich positiv auf Selbstvertrauen und Motivation auswirken können. Sie sind unabhängig von externen Einflüssen und können genutzt werden, um Wettkampfsituationen zu simulieren. Solche Leistungsziele sollten selbstverständlich nicht willkürlich gewählt werden. Im Idealfall sind diese aus der Reflexion der eigenen Stärken und Schwächen, im Austausch mit anderen Spieler*innen oder Trainer*innen entstanden und untermauern die angestrebten Ergebnisziele.

Weiterhin gibt es Prozessziele (process goals), die den Fokus auf die konkrete Umsetzung von Fertigkeiten und Strategien in konkreten Situationen legen. („Ich mache jeden Wurf bei diesem Turnier mit einer angemessenen Ausholbewegung.“) Prozessziele lenken die Aufmerksamkeit dabei auf wesentliche Punkte und können somit zum Beispiel die Wettkampfangst an der entscheidenden Bahn bzw. im Universe Point reduzieren. So können komplexe Herausforderungen in kleinere Aufgaben heruntergebrochen werden. Statt im Kopf zu haben, unbedingt die Defense holen zu müssen, kann es helfen sich vorzunehmen, im nächsten Punkt nie mehr als eine Armlänge vom*von der Gegenspieler*in entfernt zu sein. Oder anstatt sich darauf festzulegen, dass die Scheibe mit höchstens drei Würfen im Korb liegen muss, kann ich mir genau überlegen, wohin ich die ersten beiden Würfe platzieren möchte.

Auf die Balance kommt es an

Bei der Formulierung von Zielen lieber konkret werden und jeweils nur eine positiv formulierte Zielsetzung verfolgen.

Es ist für jede*n Athlet*in sinnvoll eine Kombination von Ergebnis-, Leistungs- und Prozesszielen zu finden. Diese sollten präzise („Ich möchte besser werden“ ist nicht so gut wie „Ich möchte meine Wurfpräzision erhöhen.“) und positiv („Ich möchte nicht absteigen.“ ist weniger effektiv als „Ich möchte mehr als die Hälfte meiner Spiele gewinnen.“) formuliert werden.

Gängig und mittlerweile allgemein bekannt ist hierbei das geflügelte Wort ‚SMART‘. Ein Ziel sollte also spezifisch, messbar, akzeptiert, realistisch und termingebunden sein. Mit der wichtigste Aspekt jeglicher Zielsetzung ist, dass durch die übergeordneten Ziele Strategien entwickelt und durchgeführt werden, die die Zielerreichung wahrscheinlicher machen. Mit diesen Gedanken wird aus dem eher schwammigen „Ich möchte besser werfen“ das smarte Ziel „Ich möchte in der Zeit der Kontaktsperre durch abgestimmtes Krafttraining die Reichweite meines Rückhandwurfes um 15 Meter erweitern.“

Wie beeinflusst die aktuelle Situation, in der sowohl Trainings- als auch Wettkampfbetrieb auf unbestimmte Zeit ausgesetzt sind, nun unsere persönliche Zielsetzung?

Hierbei ist es zunächst wichtig zu akzeptieren, dass bisher gesetzte Ziele eventuell nicht mehr zu erreichen sind. Es ist in Ordnung bzw. sogar sinnvoll, dementsprechend die Ansprüche an sich selbst und die eigenen Erwartungen anzupassen. Die Umstände sind andere, daher wird auch das Ergebnis ein anderes sein. Eventuell wird manche*r Spieler*in sogar eine gewisse Erleichterung verspüren, ein bestimmtes Ziel nicht mehr verfolgen zu „müssen“. Auch dies ist ein nachvollziehbares Gefühl.

Ziele visualisieren

Weiterhin bietet die aktuelle Situation die Möglichkeit, sich überhaupt in Ruhe mit den eigenen Zielen auseinanderzusetzen. Was möchte ich erreichen? Am Ende der Kontaktsperre? Am Ende des Jahres? In zwei Jahren? Hier kann der Austausch mit Mitspieler*innen oder Trainer*innen helfen, Ziele zu identifizieren und auch auf dem Weg zur Erreichung der Ziele immer wieder Rückmeldungen zu erhalten.

Es kann hilfreich sein Ziele nicht nur präzise zu formulieren, sondern diese auch in einem Schlagwort oder einem Bild zu visualisieren. Dies kann als Post-It am Badspiegel oder wie ein Mantra immer wieder in den Fokus gerückt werden, um sich an das eigene Ziel zu erinnern und um darauf hinzuwirken.

Gerade für die vermeintlichen Kleinigkeiten, für die man sich sonst eher keine Zeit nimmt, ist jetzt ein guter Zeitpunkt mit smarten Zielen zu arbeiten. An der Beweglichkeit, der mentalen und emotionalen Stärke, der Spielintelligenz (z.B. durch Videoanalyse) oder den Regelkenntnissen.

Mit der wichtigste Punkt in der gegenwärtigen Lage ist vermutlich, sich auf ein langfristig gestecktes Ergebnisziel zu fokussieren. Warum mache ich das alles eigentlich? Was treibt mich an? Was sind schon diese paar Wochen im Vergleich zu der Zeit, die ich schon investiert habe und die ich noch investieren werde, um mein großes Ziel zu erreichen?

Für mich persönlich gilt es nun, mir intensiv Gedanken über neue Ziele und Perspektiven zu machen, da mein eigentlich letztes großes Ziel der aktiven „Frisbeekarriere“ gerade aufgrund einer Corona-bedingten Turnierabsage weggebrochen ist.

Ein motivierendes Ziel

               ist anspruchsvoll, aber erreichbar.

               ist ‚smart‘.

               ist positiv formuliert.

               ist attraktiv und wird von Athlet*innen akzeptiert.

               führt dazu, dass an der Zielerreichung gearbeitet wird.

               ist Teil einer Balance von Ergebnis-, Leistungs- und Prozesszielen.

Literatur

Alfermann, D., & Stoll, O. (2010). Sportpsychologie – Ein Lehrbuch in 12 Lektionen (5. Ausg.). Aachen: Meyer&Meyer.

Beckmann, J., & Elbe, A.-M. (2011). Praxis der Sportpsychologie – Mentales Training im Wettkampf- und Leistungssport. Balingen: Spitta Verlag.

Brand, R. (2010). Sportpsychologie. Wiesbaden: VS Verlag.

Zum Autoren: Rainer Beha spielt seit 2008 Ultimate bei den Heidees (TV Eppelheim) und seit 2009 im Open Nationalteam (Bronze und Silber bei EM, seit 2015 Captain). Er hat Sportwissenschaft mit dem Schwerpunkt Sportpsychologie studiert und ist Gymnasiallehrer für Englisch und Sport. Rainer ist Mitglied im DFV-Lehrteam.


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