Von der Rolle im Team zu Teamintelligenz

Beitrag 6 von 8 Aktivitäten für Frisbeesport-Athlet*innen, solange wegen Covid-19 kein Sport in der Gruppe möglich ist. – Die eigene Rolle im Team und die daraus entstehende Teamintelligenz. – Von Tim Buchholz #wirbleibenzuhause

Dieser Artikel bezieht sich auf Teamsportarten und ist damit nur bedingt für Sportler*innen von Individualsportarten anwendbar. Einige Erkenntnisse können aber sicherlich auf eine Sportler*in-/Trainer*in-Konstellation übertragen werden.

Die Leistung eines Teams bewerten

Beim Ultimate Frisbee ist es wie in allen anderen Teamsportarten: Es gibt Elemente eines Teams, die wir von außen beobachten und bewerten können (siehe z.B. den Artikel in dieser Serie zum Thema Spielverständnis durch Videoanalyse verbessern). Und es gibt Elemente, die sich nur innerhalb eines Teams beobachten und erleben lassen.

  • Von außen können Beobachter*innen und Zuschauer*innen sehen, wie athletisch oder ausdauernd einzelne Spieler*innen sind, wie gut sie werfen oder laufen können.
  • Ebenso lassen sich taktische Elemente sehr gut von außen erfassen, da hier sehr gut zu sehen ist, ob das gesamte Team oder nur einzelne Spieler*innen die Fähigkeiten und Qualität zur Umsetzung der Taktiken besitzen. 
  • Von außen lässt sich ebenfalls recht gut analysieren, wie groß der Anteil der Spieler*innen ist, die in der Lage sind Taktiken des gegnerischen Teams zu antizipieren und darauf unmittelbar zu reagieren.

In vielen Fällen reicht es, auf Basis dieser beobachtbaren Elemente Teams oder Spieler*innen zu beurteilen. (Übrigens ein Phänomen, vor dem wir alle nicht gefeit sind, wenn wir bei einer Fußball Weltmeisterschaft vor dem Fernseher sitzen…)

Teamintelligenz als eine der wichtigsten Ebenen im Team

In den Jahren meiner Trainertätigkeit habe ich darüber hinaus eine andere Erfahrung sammeln können.  Denn es sind vor allem die nicht von außen beobachtbaren Elemente, die einen extrem großen Einfluss auf die Gesamtperformance eines Teams haben. Sie bestehen dauerhaft über den gesamten Zeitraum, in dem ein Team Bestand hat – und nicht nur wenn es im Rampenlicht eines Spieles steht.

Einige dieser Elemente wurden bereits in dieser Artikelserie beschrieben:

Es gibt aber auch noch eine andere sehr einflussreiche Dimension innerhalb eines Teams: Das Verhalten untereinander und das Bewusstsein dafür, wie mein eigenes Verhalten sich innerhalb eines Teams auswirkt. Und genau mit diesem Aspekt beschäftigt sich dieser Artikel. 

Verhalten und Wirkung

Ob wir wollen oder nicht: Sobald wir auf andere treffen, erzeugt unser Verhalten eine Wirkung bei unseren Mitmenschen. Diese Wirkung kann positiv, neutral oder im schlimmsten Fall negativ ausfallen. Innerhalb eines Teams ist es daher extrem wichtig, das Verhalten untereinander so abzustimmen, dass für jeden einzelnen im Team eine positive Wirkung entsteht und damit die Grundlage für höchste Teamleistungen gesetzt wird.

Diese Verhaltensabstimmung findet ständig statt und ergibt sich ganz häufig nebenbei und ohne bewusstes Zutun des Teams oder der Trainer*innen. Schlagkräftiger wird ein Team allerdings, wenn diese Verhaltensabstimmung als Prozess betrachtet wird und er am Besten von den Trainer*innen begleitet wird.

Dabei gibt es durchaus Unterschiede, ob es sich um ein Clubteam oder ein Nationalteam handelt. In einem Clubteam kommen über die Saison immer mal wieder neue Spieler*innen hinzu oder verlassen das Team, wegen eines Umzugs, der Arbeit, Familie oder sonstiger Umstände. Mal betrifft es ein einzelnes Training, mal einen Teil der gesamten Saison. Die wenige Zeit, die übrig bleibt, wenn mal das ganze Team gleichzeitig anwesend ist, wird zumeist für reguläres Training mit der Scheibe verwendet. Die Betrachtung des Verhaltens untereinander und der daraus entstehenden Wirkung im Team findet aus Zeitgründen daher zumeist gar nicht statt.

Ein Nationalteam hat es hier auf den ersten Blick vermeintlich einfacher: ab einem bestimmten Zeitpunkt stehen die Kader fest. Fallen Spieler*innen nicht wegen einer Verletzung aus dem Kader, ist das Team für einen gewissen Zeitraum sehr stabil. Statt 1-2 stündigen Trainings unter der Woche sieht man sich alle paar Wochen ein gesamtes Wochenende. Aber auch die verfügbare Zeit für die Vorbereitung auf die internationalen Meisterschaften ist für Nationalteams begrenzt. Und so werden – ähnlich wie im Clubteam – die Trainingslager-Wochenenden fast vollständig mit Übungen auf dem Feld durchgeplant. Dabei ist es ein enorm wichtiger Faktor, sich dieses Themas bewusst zu werden und es sich innerhalb des Teams zu erarbeiten.

Durch diese Phasen muss jedes Team

Wenn man sich als Team des Verhaltens und der Wirkung untereinander nicht bewusst ist kommt es, wie es kommen muss:

Am Anfang funktioniert innerhalb eines Teams alles gut. Alle sind höflich untereinander, vielleicht noch etwas distanziert und lassen den anderen ein kleines Fehlverhalten auch mal durchgehen. Die Leistung und Stimmung im Team ist aber ok.

Mit der Zeit lernt man sich etwas besser kennen, und kann plötzlich das Verhalten einer bestimmten Mitspielerin oder eines Mitspieler nicht mehr leiden. 

  • Warum passt er*sie eigentlich immer zu den Mitspieler*innen aus dem eigenen Club-Team, obwohl ich meilenweit frei bin? 
  • Warum nimmt sich die eine*der eine immer wieder heraus, mindestens 5 Minuten zu spät zu kommen?
  • Wieso muss er*sie immer labern? Geht es nicht auch mal ein paar Minuten ohne Dauerbeschallung?
  • Wieso muss der*die Warmup-Beauftragte vor dem Spiel die Reihenfolge der Übungen immer wieder verändern?

Aus solchen Situationen werden unterschwellige Konflikte, es bilden sich Grüppchen innerhalb eines Teams und bei einzelnen Spieler*innen kommt es zu Konfrontationen. Oder der*die eine oder andere beginnt sich zu fragen, warum eine*r immer die gleiche Übung vormachen soll und nicht jemand anderes. Die Konzentration der betroffenen Spieler*innen verlagert sich zu diesem Konflikt und die Leistung des Teams nimmt plötzlich ab.

An dieser Stelle benötigt es einen bewussten Umgang des Teams mit diesen Konflikten. Egal wie klein oder groß sie sein mögen. Denn es bedarf einer guten Moderation, um diese Konflikte und ihre Ursachen innerhalb des Teams zu lösen. Ansonsten bleibt ein Team in diesen Konflikten stecken, oder noch schlimmer: Es zerfällt, weil die Konflikte vermieden werden und Spieler*innen das Team verlassen.

Nur wenn alle im Team an dieser Stelle bereit sind, ihr Verhalten zu reflektieren und sich ihrer Wirkung auf andere bewusst zu werden, kann das Team den nächsten Schritt machen:

Formelle (offiziell vergebene) und informelle (inoffizielle, teilweise nur von einigen Spieler*innen wahrgenommene) Rollen werden gebildet und eingenommen. Das Team findet sich, und die Leistung des Teams steigt wieder. Und wenn es doch wieder zu Konflikten kommt, weiß das Team, wie es diese konstruktiv lösen kann.

Je länger das Team so miteinander umgeht, desto flexibler wird es in der Lösungsfindung, wie Rollen eingenommen, Probleme gelöst oder auch mit Druck umgegangen wird. Plötzliche Veränderungen von Situationen werden vom Team gelöst, ohne dass es einer langen Absprache bedarf. Ist ein Team so weit gekommen, ist es zu Höchstleistungen fähig.

Diese Höchstleistungen können so lange andauern, bis Spieler*innen das Team verlassen (z.B. weil das Event vorbei ist; eine Verletzung oder ein anderer Grund vorliegt – s.o.), oder neue Spieler*innen dazu kommen. 

Diese fünf Phasen durchlaufen alle Teams. Sie werden auch als Teamuhr oder die 5 Phasen der Teamentwicklung bezeichnet. Je mehr Spieler*innen sich dieser Phasen und der daraus entstehenden Herausforderungen bewusst sind, desto schneller kann ein Team mit einer Veränderung innerhalb des Teams umgehen.

Teamphasen (nach Bruce W. Tuckman):

  • Forming – die Einstiegs- und Findungsphase
  • Storming – die Auseinandersetzungs- und Streitphase
  • Norming – die Regelungs- und Übereinkommensphase
  • Performing – die Arbeits- und Leistungsphase
  • Adjourning – die Auflösungsphase

Wie wir uns unseres Verhaltens und unserer Wirkung im Team bewusst werden

Was bedeutet das also für mein Team? Es gibt zahlreiche Varianten, wie Teams sich diesem Thema nähern können. In Teams, für die ich bisher zuständig war, habe ich mit folgenden Schritte sehr gute Erfahrungen gemacht:

  1. Teamphasen sehr früh erläutern:
    Allen Spieler*innen des Teams bewusst machen, dass das eigene Verhalten innerhalb des Teams eine Wirkung bei den Mitspieler*innen erzeugt. Auch wenn es eine theoretische Einheit ist, lohnt es sich sehr diese Phasen sehr früh (auch schon in der Teamauswahl) vorzustellen.
  2. Die eigenen Bedürfnisse transparent machen und das eigene Verhalten reflektieren
    Jeder von uns ist anders und bringt auch innerhalb eines Teams unterschiedliche Bedürfnisse mit, um dauerhaft die beste Leistung abliefern zu können. Vieles wissen wir von uns intuitiv – wie z.B. dass eine Runde allein im Schatten liegen und ein bestimmtes Lied hören den Akku am Besten auflädt. Aber was, wenn jemand seinen Akku am Besten aufladen kann, wenn er sich mit anderen Leuten umgibt? Auf den vermeintlich Ruhigeren wirkt das Zusammensein mit anderen anstrengend. Der Gesellige denkt dagegen vielleicht, dass sich der andere absondern und nicht Teil des Teams sein möchte. Es ist also sehr hilfreich, sich die Bedürfnisse der anderen bewusst und im Team transparent zu machen.
    Um die eigenen Bedürfnisse des eigenen Typs herauszufinden und die eigene Wirkung auf andere zu verstehen, helfen unterschiedliche Typen-Modelle, beispielsweise das Riemann-Thomann-Modell oder auch der Myers-Briggs-Typen-Indikator (kurz MBTI).
    Egal, für welches Modell ihr euch entscheidet, eines ist sehr wichtig: Diese Modelle stellen keine Bewertung von Spieler*innen dar. Sie zeigen Bedürfnisse und Vorlieben auf, um optimale Leistung erzielen zu können. Wenn sich die Teammitglieder dieser Bedürfnisse bewusst sind, können Konflikte vermieden und/oder schneller gelöst werden.
  3. Rollen finden und ihre Ausführung transparent machen
    Jede*r von uns hat eine Erwartung an bestimmte Rollen innerhalb eines Teams. Was sollte ein Captain alles leisten? Was ist meine Erwartung an den Coach? Wer kümmert sich um Organisatorisches?
    Diese Rollen klingen sehr definiert. Wie sie ausgestaltet werden, hängt aber sehr stark von der Person ab, die diese Funktion ausfüllt. Daher sollten innerhalb des Teams die Erwartungen an diese Rollen geklärt werden – und damit auch an die Person mit dieser Rolle. Dann hat die jeweilige Person die Möglichkeit zu benennen, ob sie dieser Erwartung gerecht werden kann. Ist das Aufgabenspektrum oder die Erwartung zu groß, kann beispielsweise noch eine andere Person zur Unterstützung heran gezogen werden. Konkret heißt das, um in diesem Beispiel zu bleiben: Ob ein Team einen oder drei Captains benötigt, ergibt sich aus den Bedürfnissen und Erwartungen des Teams.
  4. Vertrauensvoller Umgang (Kultur) und Räume zur Justierung und Diskussion schaffen
    Sind alle Rollen und Erwartungen geklärt, kann das Team in dieser (neuen) Struktur loslegen. Da nicht jede Kleinigkeit vorab festgelegt werden kann oder häufig auch noch gar nicht aufgefallen ist, kann es sein, dass im Verlauf einer Saison oder eines Turnieres nachjustiert werden muss. Hierfür braucht es ein festes Ritual oder einen regelmäßigen Zeitpunkt, an dem Abweichungen von der Erwartung oder andere Dinge besprochen werden können, die das Verhalten innerhalb eines Teams beeinflussen. Wichtig ist dabei der vertrauensvolle Rahmen. Denn die eigenen Bedürfnisse vor einem Team anzusprechen – gerade wenn man dabei eine andere Sicht als die Führungsspieler*innen hat – benötigt Mut und Vertrauen.
    Wir nutzen auf Turnieren unsere abendlichen Teamsitzungen, bei der wir offen über Unstimmigkeiten diskutieren und gemeinsam als Team Lösungen suchen. In der Vergangenheit haben wir so auch schon unsere Warmup-Routine auf einem Turnier angepasst. Ein Großteil des Teams brauchte damals einen starren und immer wiederkehrenden Ablauf, und ein anderer Teil des Teams wollte zur eigenen und optimalen Vorbereitung variabel vorgehen. Um beiden Seite gerecht zu werden gab es dann einen gemeinschaftlichen festen Teil und einen Slot, in dem die Spieler eigene individuelle Übungen machen konnten.

Ihr könnt euch diesem Thema ähnlich zu meinen beschriebenen Punkten oder vollkommen anders nähern. Die Erfahrung zeigt: Je intensiver ihr euch mit eurem ganzen Team zu diesem Thema austauscht, desto widerstandsfähiger wird das Team gegen Druck und unvorhergesehene Einflüsse auf das Team (Teamresilienz).

Wenn sich aber alle Teammitglieder der Verhaltensweisen innerhalb eines Teams bewusst sind, die einen positiven Einfluss auf das Team haben, wenn sich alle ihrer Bedürfnisse und Wirkungen auf die Mitspieler*innen bewusst sind, dann entsteht bei allen Spieler*innen etwas sehr wertvolles: Teamintelligenz.

Über den Autoren: Tim Buchholz (39) hat 1994 das erste Mal in der Schule Ultimate Frisbee gespielt. 2004 begleitete er als Teamassistent das U20 Open Nationalteam zur WM nach Turku/Finnland. 2007 wurde er als Co-Trainer der U20 Open Nationalmannschaft Europameister. Seit 2010 ist er Trainer der U24 Open Nationalmannschaft.


«